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Fragen & Antworten zum Corona-Impfstoff

Corona-Impfstoff: Virologe Prof. Ulf Dittmer über den Stand der Forschung

Im Interview mit Liebenswert hat Prof. Ulf Dittmer wichtige Fragen zum Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 beantwortet und uns einen Einblick in die Impfstoff-Forschung gegeben.

Im Interview mit Liebenswert hat Prof. Ulf Dittmer uns wichtige Fragen zum Corona-Impfstoff beantwortet.
Im Interview mit Liebenswert hat Prof. Ulf Dittmer uns wichtige Fragen zum Corona-Impfstoff beantwortet. bombuscreative / iStock; Universitätsmedizin Essen

Noch immer beeinträchtig das weltweit kursierende Coronavirus unser aller Leben. Derzeit vermeldet das Robert Koch-Institut (RKI) wieder steigende SARS-CoV-2-Fallzahlen und wir alle sind dazu angehalten, uns auch weiterhin strikt an die AHA-Regel (Abstand halten – Hygiene beachten – Alltagsmaske (Mund-Nasen-Bedeckung) tragen) zu halten. Die Erkältungssaison naht und so wird die Frage nach einem Impfstoff zum Schutz vor Covid-19 in der Bevölkerung immer lauter.

Um Licht ins Dunkle zu bringen, hat uns der Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Essen, Virologe Prof. Dr. rer. nat. Ulf Dittmer, auch diesmal wieder viele interessante Fragen zum Coronavirus beantwortet. Im Interview klärt er über den aktuellen Stand der Impfstoff-Forschung auf, verrät welche Anforderungen der SARS-CoV-2-Impfstoff aus seiner Sicht erfüllen muss und gibt eine Einschätzung, wann wir mit dem Impfstoff zum Schutz vor Covid-19 rechnen können. Abschließend gibt uns der Virologe noch eine Impfempfehlung.

Lesen Sie hier, was Prof. Ulf Dittmer zum Umgang mit SARS-CoV-2 empfiehlt:

Virologe Prof. Ulf Dittmer über den Stand der Impfstoff-Entwicklung

Liebenswert: Herr Prof. Dittmer, derzeit wird gerade weltweit auf Hochtouren an einem Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 geforscht. Die WHO zählt derzeit mehr als 170 Impfstoffprojekte, dabei ist das neuartige Coronavirus erst seit Anfang des Jahres bekannt. Eine beachtliche Leistung für diesen kurzen Zeitraum, wenn man bedenkt, dass die Entwicklung eines Impfstoffes bis zur Zulassung mitunter mehrere Jahrzehnte dauern kann. Können Sie uns einen kurzen Überblick über den bisherigen Stand des SARS-CoV-2-Impfstoffes geben?

Prof. Dr. Ulf Dittmer: Es gibt tatsächlich weit über 150 Impfstoff-Kandidaten, die in verschiedenen Phasen der klinischen Erprobung sind. Davon sind etwa zehn in der letzten Phase, also in der Phase Drei. Einige von ihnen werden klassisch hergestellt. Es gibt aber auch sechs Impfstoff-Kandidaten, bei denen die Hersteller völlig neue Ansätze verfolgen.

Die Studie zum Oxford Impfstoff wurde vor kurzem wegen der neurologischen Erkrankung eines Teilnehmers kurzzeitig unterbrochen. Dass die Studie jetzt wieder fortgesetzt wird, deutet daraufhin, dass besagte Erkrankung nicht direkt mit der Impfung zusammenhing. Es ist übrigens durchaus nicht unüblich, dass sowas in der klinischen Phase Drei passiert. Es werden 10.000 bis 50.000 Personen geimpft. Bei einer so großen Gruppe ist nicht auszuschließen, dass auch Personen mit unerkannten Vorerkrankungen dabei sind, die dann eine solche Reaktion zeigen. Es gibt aber auch wenige Menschen, die ohne erkennbare Erkrankung sehr drastisch auf Impfungen reagieren, selbst bei Impfstoffen, die längst schon gut erprobt sind. Das hat dann genetische Ursachen, die wir noch nicht genau verstehen.

Sie sind Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Essen und haben mit Ihrem Team erst kürzlich eine neue Studie online veröffentlicht. In Ihrer Studie haben Sie herausgefunden, dass das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes mit dem Alter ständig ansteigt, weil ältere Covid-19-Patienten deutlich weniger oder kaum aktive Killer-T-Zellen haben. Was bedeutet diese wichtige Erkenntnis für die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs?

Wir konnten bei Covid-19-Patienten nachweisen, dass Betroffene über 80 Jahre sehr wenige von diesen Killer-T-Zellen haben. Sie haben zugleich bekanntlich auch ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung. Das zeigt, dass Killer-T-Zellen für die Virusabwehr wichtig sind. Deshalb wäre es gut, bei der Entwicklung eines Impfstoffes nicht nur das Augenmerk auf Antikörper zu richten, die das Virus neutralisieren, sondern auch auf Killer-T-Zellen. Alle herkömmlichen Impfstoffe sind lediglich darauf ausgerichtet, Antikörper zu induzieren. Die Vektor- und RNA-Impfstoffe, die gerade entwickelt werden und einen neuen Ansatz darstellen, können dagegen auch T-Zellen-Antworten auslösen.

Erfahren Sie Im Video mehr über die Symptome bei einer Covid-19-Infektion: (Das Interview geht unter dem Video weiter)

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Anforderungen an einen Corona-Impfstoff

Welche weiteren Anforderungen an einen Corona-Impfstoff gibt es aus Ihrer Sicht?

Eine sehr wichtige Anforderung ist die eben beschriebene – neben der Produktion von Antikörpern auch die Antwort der Killer-T-Zellen auszulösen. Generell ist es bei allen Impfstoffen wichtig, dass sie eine langanhaltende Immunantwort auslösen. Das immunologische Gedächtnis soll möglichst auch noch nach mehreren Jahren reagieren können, wenn der Erreger kommt. Das wäre sehr hilfreich, weil Personen dann nicht nach kurzer Zeit erneut geimpft werden müssten. Es wird also ein möglichst langanhaltender Schutz angestrebt. Selbstverständlich sollte ein Impfstoff zudem möglichst wenige Nebenwirkungen haben. Fieber und lokale Schmerzen lassen sich in der Regel aber nicht ganz vermeiden.

Auch interessant: Corona-Symptome: COVID-19 von Grippe und Erkältung unterscheiden

Die Impfstoffprojekte zum Schutz vor Covid-19 befinden sich derzeit in unterschiedlichen Phasen. Jeder neu entwickelte Impfstoff muss, bevor er zugelassen werden kann, verschiedene Phasen durchlaufen. Können Sie uns einen Einblick in die Abläufe geben?

Es werden drei klinische Phasen unterschieden. Die Beobachtung von Nebenwirkungen spielt in allen drei Phasen eine wichtige Rolle. In der Phase Eins wird hauptsächlich getestet, dass beim Impfstoff die Nebenwirkungen nicht überwiegen, dass er nicht toxisch ist. In dieser Phase erhalten nur wenige hundert Personen eine Impfung.

In der Phase Zwei wird auch die Immunantwort untersucht. Es kommen häufig mehrere Varianten eines Impfstoffes zum Einsatz, die verglichen werden. An den Ergebnissen lässt sich ablesen, welche Variante und welche Dosis die beste ist. Ziel ist es also auch, die passende Dosierung zu finden. Auch in dieser Phase erhalten nur wenige hundert Personen den Impfstoff.

In der Phase Drei werden viele tausend Personen freiwillig geimpft und es geht darum herauszufinden, wie gut der Impfstoff tatsächlich gegen eine Infektion schützt. Deshalb müssen es auch sehr viele Personen sein. Sie sollten gesund sein und es wird versucht, schon mal eine gewisse Altersspanne abzudecken sowie gleich viele Frauen und Männer zu impfen.

„Ich gehe davon aus, dass für bestimmte Gruppen schon dieses Jahr ein Impfstoff zur Verfügung stehen könnte. “
Prof. Ulf Dittmer

Wann ist ein SARS-CoV-2-Impfstoff verfügbar?

Eine Frage, die uns allen auf der Seele brennt und die auch Sie sicherlich immer wieder gestellt bekommen: Wann ist mit einem Impfstoff zu rechnen?

Wir haben aktuell sechs vielversprechende Impfstoffe in der Phase Drei. Das heißt, es sind wahrscheinlich schon mehrere tausend Freiwillige geimpft worden. Viele Hersteller sind bereits darauf eingestellt, sofort die Produktion zu starten, wenn es einen wirksamen Impfstoff ohne gefährliche Nebenwirkungen gibt. Das deutsche Unternehmen BioNTech hat zum Beispiel bereits eine vorgezogene Zulassung vorbereitet. Die ersten Daten aus der Phase Drei kommen in den nächsten zwei bis drei Wochen. Sie bilden die Grundlage für den ersten Antrag auf eine vorgezogene Zulassung, was demnach bereits im Oktober erfolgen dürfte.

Dann muss der Impfstoff noch produziert und nach einem bestimmten Schema verteilt werden. Das braucht dann zwar noch Zeit. Aber einige Firmen haben schon angefangen, größere Produktionen einzurichten, so dass es auch hier eine schnellere Entwicklung als sonst üblich geben wird. Es sind noch produktionstechnische und logistische Fragen zu klären – wer wird als erstes geimpft, ab wann steht der Impfstoff für alle zur Verfügung? Es wird vermutlich noch bis ins nächste Jahr dauern, bis das alles geklärt ist. Aber für bestimmte Gruppen könnte schon dieses Jahr ein Impfstoff zur Verfügung stehen, davon gehe ich aus.

Impfstoff-Arten: Welche gibt es?

Nach bisherigem Stand können wir davon ausgehen, dass es nicht nur einen, sondern mehrere Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 geben wird. Wie unterscheiden sich die Impfstoffe voneinander?

Klassischerweise werden Impfstoffe so hergestellt, dass das Virus vermehrt und dann abgetötet wird. Hier spricht man von Totimpfstoff. Dieser Ansatz wird aktuell in China und Indien verfolgt. Und es gibt den Ansatz, nur einen Teil des Virus künstlich herzustellen. So wird es zum Beispiel bereits beim Hepatitis B-Impfstoff gemacht.

Neu sind hingegen zwei Methoden. Zum einen die, lediglich ein Molekül der Virus-RNA für den Impfstoff zu verwenden. Zum anderen ist der Ansatz des Vektor-Impfstoffes neu. Hierbei wird in ein harmloses Virus genetisch ein Teil des SARS-CoV-2 Virus eingebaut. Mit Vektor- und RNA-Impfstoffen konnten bei Tierversuchen und in klinischen Studien der Phasen Eins und Zwei erfolgversprechende Ergebnisse erzielt werden. Die geimpften Tiere waren zu 100 Prozent gegen SARS-CoV-2 geschützt. In den klinischen Studien konnten gute Immunantworten induziert werden, so dass davon auszugehen ist, dass die getesteten Impfstoffe Menschen gegen das Virus schützen können. Sie haben aus meiner Sicht zudem den Vorteil, dass sie auch die Produktion von Killer-T-Zellen aktivieren.

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Wird es für die einzelnen Patientengruppen am Ende vielleicht auch unterschiedliche SARS-CoV-2-Impfstoffe geben? Im Hinblick auf Ihre Studie müsste ja denkbar sein, dass einige Impfstoffe bezüglich Ihrer Wirksamkeit für bestimmte Patientengruppen möglicherweise geeigneter sind?

Ja, das könnte sein und ist sogar wahrscheinlich. So ist es generell besonders schwer, ältere Menschen erfolgreich zu impfen. Denn sie haben ein schwächeres Immunsystem. Das gilt auch für Menschen mit Vorerkrankungen. Impfstoffe funktionieren dann sozusagen schlechter. Deshalb muss man herausfinden, was hier am besten wirkt. Erste Versuche dazu werden in der Phase Drei der Impfstofftests durchgeführt.

Bei der Influenza-Impfung gibt es zum Beispiel eine besondere Formulierung für ältere Menschen. Beim Hepatitis-B-Impfstoff gibt es auch eine solche besondere Zusammensetzung, die bei so genannten Non-Respondern angewendet werden kann. Das sind Menschen, die auf die gängigen Präparate nicht reagieren.

„Ich gehe davon aus, dass die Immunität nach einer SARS-CoV-2-Impfung länger als ein Jahr anhalten wird“
Prof. Ulf Dittmer

Mit welcher Wirksamkeit ist zu rechnen?

Stichwort Wirksamkeit. Können Sie von ersten Einschätzungen berichten, wie hoch die Schutzwirkung des neuen Impfstoffs sein wird? Vermutlich wird sie nicht unbedingt bei 99 Prozent liegen.

Dazu gibt es aktuell noch keine Daten von Menschen. Wenn man sich jedoch die Daten von Tierexperimenten anschaut, scheint die Schutzwirkung der RNA- und Vektor-Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 sehr hoch zu sein. Bei Affen konnte eine Schutzwirkung von 100 Prozent erzielt werden. Die natürliche Immunitätslage beim Menschen ist ebenfalls günstig. Bei mehr als 30 Millionen Infizierten weltweit haben wir bislang nur drei oder vier Fälle gesehen, in denen sich Menschen nochmals infiziert haben. Das ist immer auch ein guter Hinweis darauf, wie gut Impfstoffe funktionieren können.

Beim Hepatitis-C-Virus ist es beispielsweise so, dass sogar verschiedene Varianten des Virus einen Menschen infizieren können. Eine Immunität funktioniert bei diesem Virus einfach nicht. Bis heute gibt es daher auch keinen Impfstoff. Das ist bei SARS-CoV-2 anders.

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Ist derzeit schon absehbar, ob der SARS-CoV-2-Impfstoff ähnlich wie der Grippe-Impfstoff jedes Jahr angepasst werden muss?

Ich gehe aktuell nicht davon aus. Denn das SARS-CoV-2-Virus verändert sich nicht so schnell wie das Grippevirus, bei dem die genetische Information in acht Teilen vorliegt. Wenn sich ein Mensch oder auch ein Tier mit zwei oder mehr Grippeviren infiziert, dann können die Segmente unter den Viren ausgetauscht werden. So entstehen völlig neue Virusvarianten. Das ist der Grund, warum der Influenza-Impfstoff jedes Jahr angepasst werden muss. SARS-CoV-2 hat hingegen nur einen Gen-Strang. Das heißt, es kann sich langsam verändern, aber nicht solche großen Sprünge machen wie das Influenza-Virus. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Immunität nach einer SARS-CoV-2-Impfung länger als ein Jahr anhalten wird.

Können Sie eine abschließende Empfehlung geben, für welche Bevölkerungsgruppen eine Impfung besonders sinnvoll wäre?

Besonders sinnvoll ist die Impfung für die bekannten Risikogruppen sowie für medizinisches Personal. Wie beschrieben sind die Risikogruppen zugleich die, die sich am schwersten erfolgreich impfen lassen. Dazu liegen aber aktuell noch keine Daten vor. Diese werden in der Phase Drei mit erhoben, sind aber noch nicht bekannt.

Essen, 17. September 2020

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