Pandemie

Wie gefährlich sind Corona-Mutationen? Ein Experte klärt auf

Neben der Delta-Variante und Lambda-Variante treten immer mehr Corona-Mutationen auf. Virologe Prof. Dr. Sebastian Voigt klärt im Interview auf, welche Gefahr von ihnen ausgehen kann.

Corona-Mutationen.
Experten raten, die neuen Corona-Mutationen ständig zu überwachen, um neue Erkenntnisse daraus ziehen zu können. Foto: stefanamer /iStock

Der Anteil an Corona-Mutationen ist in den vergangenen Wochen rapide gestiegen. Immer mehr mutierte Viren gelangen in Umlauf, wie zum Beispiel die Delta-Variante, Lambda-Variante oder die neue Gamma-Variante. Doch wie aggressiv sind diese Mutationen wirklich? Welche Personengruppen sind besonders gefährdet und wie können wir in Zukunft mit den mutierten Coronaviren umgehen? Diese und weitere Fragen rund um das Thema 'Corona-Mutationen' hat uns Prof. Dr. Sebastian Voigt, stellvertretender Direktor des Instituts für Virologie der Universitätsmedizin Essen, im Interview beantwortet.

Lesen Sie hier: Lambda-Variante: Wie gefährlich ist die neue Corona-Mutation?

Sehen Sie hier, wie Sie sich weiterhin gegen das Coronavirus schützen können (Der Artikel geht unter dem Video weiter):

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Corona-Mutationen: Darum treten sie auf

Liebenswert: Warum treten plötzlich immer mehr Mutationen des Coronavirus auf?

Prof. Dr. Sebastian Voigt: Viren verändern sich und passen sich ständig an das Immunsystem ihres Wirtes an. Das Coronavirus nutzt RNA als Erbgut und zählt somit zu den RNA-Viren. RNA-Viren verändern sich üblicherweise schneller als DNA-Viren, weil die Proteine, die für die Vervielfältigung der RNA-Viren verantwortlich sind, die Erbinformation ungenauer kopieren und leichter Fehler zulassen. Dies ist auch ein Grund, warum unsere Immunität gegen das Influenzavirus, das ebenfalls ein RNA-Virus ist, jedes Jahr durch eine Impfung neu gestärkt werden muss.

Coronaviren besitzen im Gegensatz zum Influenzavirus allerdings Proteine, die Fehler beim Kopieren des viralen Erbguts ausbessern und so die Fehlerrate vermindern können. Dennoch entstehen Mutationen, die dazu führen können, dass unser Immunsystem die viralen Proteine, die als Angriffspunkte für unser Immunsystem dienen, nicht mehr gut erkennt. Die beobachteten Veränderungen im viralen Genom entstehen auch aufgrund des Drucks, den das Immunsystem auf das Virus auswirkt: Das Virus ist gezwungen, sich anzupassen, um sich weiter vermehren zu können.

Liebenswert: Was unterscheidet die Mutationen der aktuell zirkulierenden Coronaviren von dem Coronavirus, das zu Beginn der Pandemie auftrat?

Prof. Dr. Sebastian Voigt: Die Mutationen, die seit der Erstbeschreibung von SARS-CoV-2 im vergangenen Jahr aufgetreten sind, umfassen verschiedene Bereiche des viralen Genoms. Hierzu gehören auch Veränderungen im Spike-Protein, das wichtig für die Bindung an den Rezeptor auf Zellen ist, die infiziert werden. Eine Mutation kann sowohl Vor- als auch Nachteile für das Virus haben, wobei nachteilige Mutationen sich nicht durchsetzen und wieder verloren gehen. Die in der Literatur beschriebenen Veränderungen des Spike-Proteins haben teilweise dazu geführt, dass das Protein besser an den Rezeptor binden und die Zelle dadurch besser infizieren kann.

Auch spannend: Corona-Impfung: mRNA-Impfstoffe schützen länger als gedacht

Die Ansteckungsfähigkeit des Coronavirus hängt u. a. von der Immunität ab

Liebenswert: Wie ansteckend sind die SARS-CoV-2-Mutanten? Sind sie ansteckender als die Ursprungsversion?

Prof. Dr. Sebastian Voigt: Es existieren mittlerweile eine Vielzahl beschriebener Mutationen, die die Ansteckungsfähigkeit der verschiedenen Varianten beeinflussen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt derzeit vier SARS-CoV-2-Typen zu den besorgniserregenden Varianten (variants of concern; VOC). Darüber hinaus stehen aktuell (Stand 08.07.2021) 13 SARS-CoV-2 Varianten unter Beobachtung (variants of interest; VOI). Betrachtet man die vier besorgniserregenden Varianten, lässt sich feststellen, dass sich zwei der vier Varianten in Deutschland derzeit kaum ausbreiten und die Alpha-Variante, die noch zu Beginn dieses Jahres dominierte, von der Delta-Variante zunehmend abgelöst und mittlerweile überholt wurde. Die Ansteckungsfähigkeit des Virus hängt unter anderem von der Immunität ab. Zwar kann eine ausreichende, stabile Immunität möglicherweise nicht immer vor einer Ansteckung schützen, jedoch kann sie das Auftreten und den Verlauf einer Erkrankung maßgeblich beeinflussen.

Liebenswert: Welche Personengruppen sind von den Varianten besonders gefährdet?

Prof. Dr. Sebastian Voigt: Generell sind ältere Menschen und Personen mit einem geschwächten Immunsystem oder mit Vorerkrankungen, zum Beispiel der Lunge, als gefährdet zu betrachten. Dies liegt daran, dass im Alter die Stärke des Immunsystems abnimmt und das Virus sich leichter ausbreiten kann, wenn es auf ein geschwächtes Immunsystem trifft. Schwere Verläufe einer SARS-CoV-2- Infektion sind bei Kindern und Jugendlichen zwar selten, aber sie können auch in dieser Altersgruppe vorkommen. Somit ist niemand, der nicht geimpft ist, vor einer schweren Erkrankung geschützt.

Lesen Sie hier: Herdenimmunität wegen Delta-Variante in Gefahr

Prof. Dr. Sebastian Voigt.
Virologe Prof. Dr. Sebastian Voigt, stellvertretender Direktor des Instituts für Virologie der Universitätsmedizin Essen. Foto: Universitätsmedizin Essen/Frank Preuß

Wie wirksam ist der Corona-Impfschutz gegen die Virusvarianten?

Liebenswert: Gibt es bereits erste Erkenntnisse über den Impfschutz gegen SARS-CoV-2-Varianten? Wie wirksam ist die Impfung zum Beispiel bei der Delta-Variante?

Prof. Dr. Sebastian Voigt: Es existieren verschiedene Studien, die einen ausreichenden Impfschutz bei zweimaliger Impfung gegenüber einer Infektion mit einer Virus-Variante belegen. Hierzu gehört auch ein Schutz im Fall einer Infektion mit der Delta-Variante. Dies bedeutet nicht unbedingt, dass nach einer Impfung keine Infektion mehr stattfinden kann, jedoch ist das Risiko, nach einer Infektion schwer zu erkranken, deutlich eingeschränkt.

Liebenswert: Die neue Lambda-Variante gilt als noch aggressiver als die Delta-Variante. Was ist bisher zu dieser SARS-CoV-2-Variante bekannt?

Prof. Dr. Sebastian Voigt: Die Lambda-Variante zählt zu den Virusvarianten unter Beobachtung. Sie wurde erstmalig in Südamerika identifiziert und hat sich dort in mehreren Ländern ausgebreitet. Mittlerweile ist sie auch in Europa und in Deutschland aufgetreten. Die beschriebene Ausbreitung deutet darauf hin, dass diese Variante eine recht hohe Ansteckungsfähigkeit besitzt, jedoch lassen sich noch keine Aussagen zur Schwere der Erkrankung treffen, die durch diese Variante ausgelöst wird.

Mehr dazu: Corona-Impfung: Muss ich mir einen neuen Impfpass kaufen?

Corona-Mutationen: So können wir künftig damit umgehen

Liebenswert: Welche genauen Mutationen hat die Lambda-Variante? Was unterscheidet diese von den anderen Mutationen?

Prof. Dr. Sebastian Voigt: Die Lambda-Variante besitzt Mutationen, die auch bei anderen Virusvarianten beschrieben wurden. Hinzu kommen aber auch Mutationen, die im Spike-Protein lokalisiert und spezifisch für diese Variante sind. Diese Mutationen finden sich in dem Bereich des Spike-Proteins, der wichtig für die Bindung an den Rezeptor ist. Ob durch diese Mutationen eine, wie bereits erwähnt, verstärkte Bindung an den Rezeptor und dadurch eine erhöhte Infektiosität erzielt werden, bleibt abzuwarten.

Liebenswert: Wie kann künftig mit Corona-Mutationen umgegangen werden? Muss jährlich ein neuer Impfstoff entwickelt und geimpft werden?

Prof. Dr. Sebastian Voigt: Es ist wichtig, das Auftreten neuer Mutationen ständig zu überwachen, um Erkenntnisse zur Übertragbarkeit der zirkulierenden SARS-CoV-2-Varianten und zur Immunität zu gewinnen. Es wird sich zeigen, ob die bisherigen Impfungen ausreichen und dadurch schwere Verläufe verhindert werden können. Bisher scheint eine vollständige Impfung vor schweren Erkrankungen durch eine Infektion mit einer der Virusvarianten zu schützen. Es ist nicht auszuschließen, dass der Impfstoff zukünftig in Intervallen, je nach dem Auftreten neuer Varianten, angepasst werden muss. Die mRNA-Vakzintechnologie bietet hierfür eine gute Basis, da sie innerhalb weniger Wochen die Herstellung angepasster Vakzine ermöglicht.

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