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Weltkrebstag

Krebs und Diabetes: Expertin erklärt den Zusammenhang

Im Interview erklärt PD Dr. Reger-Tan wie Krebs und Diabetes zusammenhängen und was Betroffene beachten müssen.

Zusammenhang von Krebs und Diabetes.
Bislang sind die genauen Zusammenhänge zwischen Krebserkrankungen und Diabetes noch nicht hinreichend erforscht. Studien weisen jedoch bereits darauf hin. Foto: mucahiddin / iStock

Am 4. Februar jährt sich der Weltkrebstag und im Zuge dessen hat Liebenswert mit PD Dr. Susanne Reger-Tan, Oberärztin der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen und Leiterin des DDG Diabetologikums am Universitätsklinikum Essen, über ein spannendes Thema gesprochen. Im Interview erklärt sie uns, welcher Zusammenhang zwischen den beiden Volkskrankheiten Krebs und Diabetes besteht, warum die Diagnose einer der beiden Krankheiten immer wieder auch mit der Diagnose der anderen einhergeht und was betroffene Patienten tun können.

PD. Dr. med Susanne Reger-Tan - Foto: © Universitätsmedizin Essen
Unsere Expertin:

PD Dr. Susanne Reger-Tan ist Oberärztin der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen und Leiterin des DDG Diabetologikums am Universitätsklinikum Essen.

Typ-2-Diabetes erhöht das Krebsrisiko

Liebenswert: Dr. Reger-Tan, zahlreiche Studien weisen auf einen Zusammenhang zwischen Diabetes und verschiedenen Krebserkrankungen hin. Betroffen sind hier vor allem Typ-2-Diabetiker, bei denen das Wachstum von Krebszellen begünstigt werden kann. Um welche Krebsarten handelt es sich?

PD Dr. med. Susanne Reger-Tan: Typ-2-Diabetes ist weit verbreitet und birgt ein um das 1,2 bis 1,7-fache erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen. Das gilt insbesondere für Brust-, Leber-, Bauchspeicheldrüsen-, Blasen- und Darmkrebs. Zudem ist das Risiko, an der Tumorerkrankung zu sterben bei Patienten mit Diabetes höher als bei Patienten ohne Diabetes.

Einige Studien sind auch zu dem Ergebnis gekommen, dass bestimmte Diabetes-Medikamente ursächlich für eine Krebserkrankung sein können oder diese zumindest begünstigen. Wohingegen die Diabetes-Behandlung mit Metformin das Krebsrisiko senken soll. Wie verlässlich sind diese Studienergebnisse und welche Auswirkungen haben sie auf die Diabetes-Therapie?

Wir kennen die genauen Zusammenhänge zwischen Krebserkrankungen und Diabetes noch nicht. Es gibt drei mögliche Faktoren, die mehr oder weniger stark und gegebenenfalls sich addierend die Verbindung zwischen Tumorerkrankungen und Diabetes erklären können: Erstens haben Tumorerkrankungen und Diabetes mehrere ungünstige Risikofaktoren gemein, wie Alter, Übergewicht, Rauchen, ungesunde Ernährung und körperliche Inaktivität. Zweitens bedingt die Insulinresistenz beim Typ-2-Diabetes einen Überschuss an Insulin im Körper. Dies kann durch direkte und indirekte Stimulation, ein Mehr an Sexualhormonen oder Entzündungsmediatoren Zellwachstum fördern. Und drittens ist der Einfluss antidiabetischer Medikamente auf das Krebsrisiko Gegenstand der aktuellen Forschung.

Es ist schwierig, herauszufinden, ob und inwiefern sich bestimmte Diabetes-Medikamente auf das Krebsrisiko auswirken. Metformin scheint einen günstigen Einfluss auf bestimmte Tumorerkrankungen zu haben. Es wirkt möglicherweise durch die Hemmung der Glukoseneubildung in der Leber, Steigerung der Insulinempfindlichkeit und Aktivierung bestimmter intrazellulärer Signalwege antiproliferativ (wachstumshemmend, Anm. d. Red.). Das heißt es hemmt möglicherweise das Zell- und Gewebewachstum.

Der Einsatz von Metformin in der Behandlung von Krebserkrankungen wie Brustkrebs wird in Studien getestet.

Der Einfluss einer Insulintherapie auf den Verlauf einer Krebserkrankung ist Gegenstand heißer Diskussionen. Klinische Studien weisen jedoch darauf hin, dass das Krebsrisiko mit einer Insulintherapie nicht steigt. Bei einzelnen Substanzen sind Risiko-Hinweise in der Fachinformation aufgelistet, andere werden aufgrund des erhöhten Krebsrisikos nicht mehr vertrieben. Insgesamt sollte die Diagnose Krebs keinen großen Einfluss auf die Wahl der Diabetestherapie haben.

Auch wenn die genauen Ursachen für die Verbindung zwischen Krebs und Diabetes noch nicht allumfassend erforscht sind, ist diese immer wieder zu beobachten. Können Sie uns Ihre Erfahrungen mit dem Zusammenhang beider Erkrankungen schildern?

Als Diabetologen sind wir uns dieser ungünstigen Assoziation zwischen Diabetes und Krebs bewusst. Wir halten unsere Patienten an, regelmäßig alle Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Ein gesunder Lebensstil und regelmäßige körperliche Aktivität reduzieren das Krebsrisiko genauso wie der Verzicht auf Rauchen und Alkohol. Frauen sollten auch nach den Wechseljahren weiterhin einen Frauenarzt besuchen. 

Sind Sie schon registrierter Stammzellspender? Falls nicht, erfahren Sie im Video weitere Infos dazu: (Das Interview geht unter dem Video weiter)

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Krebserkrankung kann Auslöser von Diabetes sein

Allerdings ist der Zusammenhang zwischen Diabetes und Krebs nicht nur in eine Richtung zu betrachten. Bestimmte Krebserkrankungen oder auch die Krebs-Medikamente können ebenfalls einen Diabetes auslösen. Gibt es hier Krebserkrankungen, bei denen dies besonders häufig vorkommt?

Diabetes tritt bei Neudiagnose einer Krebserkrankung häufig in den Hintergrund. Dabei kann ein Diabetes die Prognose der Krebserkrankung und auch den akuten Allgemeinzustand des Patienten ungünstig beeinflussen. Ein erhöhter Blutzucker steigert das Risiko für Infektionen. Das ist insbesondere unter einer Chemotherapie riskant, weil in solchen Situationen das eigene Immunsystem stark geschwächt wird. Es gibt also viele Gründe, den Diabetes trotz der schweren Tumorerkrankung weiterhin im Blick zu haben.

Bei allen Krebserkrankungen, die eine Chemotherapie erfordern, wird häufig Kortison als Begleitmedikation eingesetzt. Kortison wirkt glukosesteigernd und kann einen Diabetes auslösen oder einen bekannten Diabetes verschlimmern. Andere antitumorale Therapien bewirken eine Insulinresistenz und können so zu einem Diabetes führen. Immune Checkpoint-Inhibitoren können zu einer neuen Form des Insulinmangel-Diabetes führen.

Die Krebsbehandlung mit sogenannten Checkpoint-Inhibitoren kann zum Beispiel Typ-1-Diabetes auslösen. Wann und bei welchen Krebserkrankungen kommen die Checkpoint-Inhibitoren zum Einsatz?

Durch den Einsatz der Checkpoint-Inhibitoren können enorme Erfolge im Kampf gegen viele verschiedene Tumorerkrankungen erzielt werden. Sie werden generell bei fortgeschrittenem oder metastasiertem Krebs eingesetzt, nicht selten auch in Kombination mit anderen Therapien. Dazu zählen unter anderem Haut-, Lungen-, Darm- und Lymphknotenkrebs. Bei der Behandlung des metastasierten oder inoperablen Melanoms stellt die Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren zum Beispiel einen echten Durchbruch dar. Bis vor kurzem galt der schwarze Hautkrebs im fortgeschrittenen Stadium als eine der tödlichsten Krebserkrankungen.

Ist die Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren auch für Krebspatienten möglich, die bereits unter Diabetes (Typ-1 oder Typ-2) leiden?

Diabetes stellt per se keine Kontraindikation für die Krebsbehandlung mit Checkpoint-Inhibitoren dar. Generell ist es aber immer wichtig, bei einer Krebstherapie die Begleiterkrankungen besonders im Auge zu behalten. Die in der Tumortherapie eingesetzten Medikamente wirken sich oft ungünstig auf den Glukosestoffwechsel aus. Der behandelnde Onkologe und der Diabetologe sollten eng zusammenarbeiten, um Komplikationen möglichst früh zu erkennen und den Erfolg der Krebstherapie nicht zu riskieren.

Lesen Sie auch: Diabetes-Folgeerkrankungen: Warum sich vorbeugen lohnt

Welche Vorteile bietet die Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren, wenn zum Teil mit starken Nebenwirkungen in Form von massiver Betazelldestruktion in der Bauchspeicheldrüse und Insulinmangel-Diabetes gerechnet werden muss?

Diese Therapieform ist eine große Chance. Checkpoint-Inhibitoren ermöglichen vielen Patienten, denen konventionelle Therapien gar nicht mehr helfen können, eine deutlich längere Überlebenszeit. In Summe sind Immuntherapien auch verträglicher als herkömmliche Chemotherapien.

Aber wie jede andere Therapie hat auch diese ihre Schattenseiten. Es können Autoimmunerkrankungen auftreten. Der Insulinmangel-Diabetes tritt selten auf, ist dann aber permanent und erfordert unmittelbar eine Insulintherapie.

Patienten sollten sich vor Therapiebeginn auch in Ruhe mit den möglichen Nebenwirkungen auseinandersetzen. 

Krebs- und Diabetesrisiko senken: Das rät die Expertin

Ist es für Krebspatienten möglich, dem Auftreten von Diabetes vorzubeugen oder dieser Nebenwirkung gezielt entgegenzuwirken?

Mit ausgewogener Ernährung und regelmäßiger körperlicher Aktivität lassen sich Glukosehaushalt und Verlauf einer Tumorerkrankung positiv beeinflussen, somit lässt sich dadurch auch das Risiko für Typ-2-Diabetes senken. Wichtig ist dabei jedoch, dass Menschen mit Tumorerkrankung nicht aktiv eine Gewichtsabnahme fördern.

Die in der Tumortherapie eingesetzten Medikamente wirken sich oft ungünstig auf den Glukosestoffwechsel aus. Glukose aus der Nahrung kann nicht mehr ausreichend vom Blut in die Zelle gelangen. Der Blutzucker ist dauerhaft erhöht. Auch hier sind eine gesunde Ernährung und regelmäßige körperliche Aktivität förderlich. Wenn dies nicht ausreicht, werden ergänzend antidiabetische Medikamente eingesetzt.

Tritt hingegen ein akuter Insulinmangel-Diabetes als Nebenwirkung der Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren auf, muss umgehend Insulin zugeführt werden. Ungewöhnlich hohes Durstgefühl, viel Wasserlassen, ein plötzlicher Abfall des Allgemeinzustandes mit Übelkeit und Erbrechen oder ein süßlicher Mundgeruch können Anzeichen eines Insulinmangel-Diabetes sein und stellen einen akuten Notfall dar, der einer unmittelbaren ärztlichen Betreuung bedarf.

Gibt es allgemein gesprochen Empfehlungen, die sowohl für Krebspatienten als auch für Typ-2-Diabetiker das Risiko senken, an der jeweils anderen Erkrankung zu erkranken?

Ein gesunder Lebensstil mit einer ausgewogenen Ernährung, möglichst viel Bewegung und dem Verzicht auf Nikotin wirken sich in beide Richtungen positiv aus. Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen und übermäßiger Alkohol-Konsum erhöhen sowohl das Risiko für eine Krebserkrankung als auch für Diabetes. Krebspatienten rate ich zudem dazu, regelmäßig auch ihre Blutzuckerwerte prüfen zu lassen. Generell gilt natürlich für alle Menschen, die regelmäßigen Krebsvorsorgetermine wahrzunehmen

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Essen, 29. Januar 2021