Im Interview Guido Maria Kretschmer: "Mein Frank ist meine größte Stütze"

Im Interview mit TINA spricht Designer Guido Maria Kretschmer offen über Umbrüche und das Loslassen im Leben.  

Guido Maria Kretschmer
Für Guido Maria Kretschmer steht in diesem Jahr mit dem Umzug von Berlin nach Hamburg ein großer Umbruch an.
Inhalt
  1. Interview mit Guido Maria Kretschmer
  2. Gudio Maria Kretschmer: "Ich bin müde vom ständigen Unterwegssein"
  3. Guido Maria Kretschmer: "Ich brauche keine Hintertürchen mehr"

Alle schreien seinen Namen, jeder will irgendetwas von ihm – eigentlich müsste die Berliner Fashion Week Stress pur bedeuten für Guido Maria Kretschmer. Doch als wir ihn bei den Vorbereitungen kurz vor der großen Show für OTTO treffen, wirkt der Designer ungewöhnlich entspannt. Vielleicht liegt es daran, dass Guido sich im Leben noch nie so angekommen gefühlt hat, wie heute. Er weiß, was er will – und wovon er genug hat. Gerade steckt er in einer großen Umbruchsphase und zieht von Berlin nach Hamburg. "Es ist Zeit loszulassen", sagt der 54-Jährige. Im Interview erzählt Guido Maria Kretschmer über den aktuellen Stand des Umzugs und verrät, welche Freundin ihn zu seiner aktuellen Kollektion inspiriert hat. 

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Interview mit Guido Maria Kretschmer

TINA: Herr Kretschmer, Ihre aktuelle OTTO-Kollektion 'Rue du coeur' (deutsch: 'Straße des Herzens') ist inspiriert vom Gefühl des Auf-Reisen-seins. Man hat den Eindruck, wenn jemand weiß, wie es sich anfühlt, immer unterwegs zu sein, dann sind Sie das…

Guido Maria Kretschmer: Ja, das stimmt. Ich bin sehr viel unterwegs und sehe viele Orte. Auf den Straßen dieser Welt fühle ich mich zuhause. Ich habe mit der Zeit mehr und mehr festgestellt, dass das Leben doch eigentlich auf der Straße stattfindet. Ich gehe stets mit neugierigem Blick durch die Welt und achte darauf, was Menschen tragen. Das ist der modische Aspekt. Die Straße hat aber auch gesellschaftlich eine unheimliche Kraft. Das merkt man, wenn man sieht, wie Woche für Woche Kinder und Jugendliche im Rahmen der 'Fridays for future'-Demonstrationen auf die Straße gehen, um gegen den Klimawandel zu protestieren. Die Sehnsucht, auf die Straße zu gehen und sich für oder gegen etwas zu engagieren, hat immer etwas mit dem Wunsch zu tun, dass etwas gut wird. Es passiert also mit dem Herzen – und darum kann dadurch so viel Gutes entstehen! Meine Kollektion ist in diesem Sinne auch eine Art Hommage an die Tatsache, dass viele große Bewegungen von der Straße ausgehen. 

Von zuhause aus lässt sich also nichts bewegen?

Nein, man muss raus! Zuhause auf dem Sofa ist es leicht, ein guter Mensch zu sein. Da gießt man die Blumen, putzt die Fenster, streichelt die Katze – und alles ist in Ordnung. Aber sobald man draußen ist, entsteht ein Miteinander. Das Motto für die Kollektion habe ich mir bereits vor einem Dreivierteljahr ausgedacht, aber jetzt erst merke ich, wie aktuell es doch ist. Weltweit organisieren sich gerade Menschen, um etwas zu verändern. Es zeigt, dass es viel mehr Zusammenhalt gibt, als wir alle denken – und das ist doch ein wunderschöner Gedanke. 

Katharina Thalbach (65) ist sozusagen die Muse dieser aktuellen Kollektion, weil Sie für sie die Kostüme für Ihr gemeinsames Theaterprojekt „Mord im Orient-Express“ designen. Erzählen Sie uns mehr darüber?

Katharina hat mich auf die Idee für all das gebracht. Ich entwerfe für ihr Theaterstück 'Mord im Orient-Express' die Kostüme. Es ist eine richtige Familienproduktion – denn Katharina ist eine so gute Freundin, dass sie für mich schon seit vielen Jahren zur Familie gehört. Beteiligt sind auch die Geschwister Pfister und viele andere Künstler. Es gibt keine öffentlichen Mittel, wir schauen gerade, wie wir alles finanziert bekommen. Das Stück wird im März 2020 im Berliner Schiller-Theater Premiere feiern. 'Mord im Orient-Express' handelt von einer Reise von Paris nach Istanbul mit dem Zug. Diese Strecke bin ich selbst schon gefahren. Ich freue mich, diese Welt mit opulenten Kostümen neu zu interpretieren. Kathi spielt den Kommissar, Ursli Pfister spielt die Gräfin – die Geschlechter sind alle vertauscht. Das macht das Projekt extrem spannend. Nicht nur meine aktuelle Mode- und Möbelkollektion für OTTO, auch meine neuen Tapeten sind inspiriert von diesem Thema, weil sich daraus so viele Möglichkeiten ergeben. Alles ist ein wenig retro und trotzdem modern. 

Katharina Thalbach ist zwar eine gute Freundin – bei Ihren Modenschauen sieht man sie jedoch selten…

Sie kommt meist nur heimlich und versteckt sich dann. Aber dieses Mal wollte sie unbedingt dabei sein, weil sie ja auch beteiligt war an der Idee. Kathi und mich verbindet so viel. Ich schätze und liebe sie als Freundin so sehr! Sie hat einen festen Platz in meinem Herzen! Mit ihr arbeiten zu dürfen, ist ein Geschenk. Wir haben schon viele Theater- und Opernprojekte miteinander umgesetzt – zu Zeiten, in denen ich noch kaum bekannt war. Sie hat von Anfang an an mich geglaubt, obwohl ich vorher noch nie etwas fürs Theater gemacht hatte. Ich mag es, im Team zu arbeiten und umso schöner ist es, wenn man sich dabei so nah steht. Katharina ist einfach ein feiner Mensch – humorvoll und ohne Allüren. Ich freue mich, ihre Träume für sie textil umsetzen zu dürfen. 

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Der 'Straße des Herzens' zu folgen heißt, ganz auf sein Herz zu hören. War es Ihr Herz, dass gesagt hat, Sie sollen von Berlin nach Hamburg ziehen?

Der Umzug ist eine Herzensentscheidung in guter Kombination mit dem Kopf. Mein Herz allein würde sicherlich sagen: "Bleib ewig an dem einen Ort, an dem du dich wohlfühlst." Ich bin in den vergangenen Jahren sehr viel gereist und immer wieder zwischen Hamburg und Berlin hin- und hergependelt. Ich spüre eine große Sehnsucht nach dieser Stadt. Ich mag Hamburg und fühle mich sehr wohl dort. Ich fand die Stadt schon immer schön. Jetzt, wo ich weiß, dass ich bald ganz dort leben werde, haben sich mein Blick und mein Gefühl für diese Stadt noch einmal verändert. Ich freue mich darauf, viel Neues zu erleben und zu entdecken. Berlin hat 3,5 Mio. Einwohner, Hamburg nur 1,7 Mio. – ich genieße es, der Riesen-Metropole zu entfliehen und wieder mehr Ruhe zu finden.

Schauen Sie im Video welche Antworten Ross Antony auf drei spannende Fragen gegeben hat: (Das Interview geht unter dem Video weiter)

 
 

Gudio Maria Kretschmer: "Ich bin müde vom ständigen Unterwegssein"

Sie krempeln Ihr Leben also gerade komplett um?

Es war eine bewusste Entscheidung, weniger reisen zu wollen und wieder mehr Zeit für mich selbst und für die Familie zu haben. Schon seit zwei, drei Jahren versuche ich, meine Arbeitszeit zu reduzieren und auch mal ein Wochenende frei zu haben. Lustigerweise werden es gleichzeitig dennoch immer mehr Projekte, die mich beschäftigen. Weil ich ständig pendle, unternehme ich privat gar keine Vergnügungsreisen mehr. Ich bin müde vom ständigen Unterwegssein. Ich war stets unfallfrei unterwegs, bin immer gut durchgekommen. Man darf sein Glück nicht überstrapazieren. Es ist der richtige Augenblick, nicht mehr so viel Zeit auf der Autobahn zu verbringen. 

Haben Sie das Gefühl, Ihre neue Heimatstadt freut sich auf Sie?

Ja! Alle Hamburger sind wahnsinnig freundlich zu uns. Vor kurzem waren Frank und ich mit den Hunden in Hamburg spazieren. Da kam eine Frau auf uns zu, drückte uns und sagte, dass sie sich so freue, dass wir hierherkommen. Schließlich griff sie in ihre Tasche, weil sie uns etwas schenken wollte. Sie holte einen Kugelschreiber mit Hamburg-Logo heraus und meinte: "Damit können Sie Ihre Anmeldung unterschreiben, wenn Sie hier aufs Amt gehen." Ich musste ihr versprechen, dass ich diesen Kugelschreiber benutzen werde – und dann werden Frank und ich das auch tun! Ich fand diese Begegnung sehr süß. Alle heißen uns mit offenen Armen willkommen. 

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Hört sich an, als würden Sie jetzt schon perfekt nach Hamburg passen!

Ja, wir passen hierher! Wir hätten vielleicht schon viel früher nach Hamburg ziehen sollen. Frank ist der perfekte Hamburger! Es ist kultiviert, freundlich, lässig und gleichzeitig sehr zurückhaltend. Außerdem ist er gertenschlank, wie alle Leute in Blankenese. Wenn ich mit ihm durch den Park spazieren gehe, denke ich immer: "Frank hat noch nirgendwo so gut hingepasst wie hier." Frank kann auch rudern! Er ist mehrsprachig! Ach, eigentlich kann er alles – er wird sich sofort super integrieren.

 

Guido Maria Kretschmer: "Ich brauche keine Hintertürchen mehr"

Ihre Villa in Berlin steht zum Verkauf. Das heißt, der Umzug ist endgültig?

Auf jeden Fall! Ich muss das Haus nicht behalten, um mir ein Hintertürchen offen zu halten. Ich brauche dieses Hintertürchen nicht mehr. Mir ist endlich die letzte Eierschale vom Kopf gefallen. Wir hatten wahnsinnig glückliche Zeiten in unserm Haus in Berlin, aber jetzt ist es Zeit loszulassen. Ich habe beschlossen, dass der Schlüsselbund kleiner werden muss. Darum verkaufe ich auch die Finca auf Mallorca. Ich bin gerade dabei, jede Menge Ballast abzuwerfen und merke zum ersten Mal, wie gut ich mich von Dingen trennen kann. Ich lebe aktuell nach dem Titel des Songs der Band 'Silbermond': "Es reist sich besser mit leichtem Gepäck." (lacht)

Wann genau werden Sie in Ihrem neuen Haus sein?

Bis zum Herbst soll alles fertig sein. Frank zieht vor mir um. Er nimmt dann auch die Hunde mit, damit sie sich langsam eingewöhnen können. Sie finden das neue Zuhause jetzt schon ganz toll und lieben die Elbe! Ich habe noch einige Dinge in Berlin zu erledigen und werde darum nachkommen. Die Firma und 'Shopping Queen' ziehen mit mir um – das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Frank ist die Vorhut und freut sich auf den neuen Lebensabschnitt. Er kennt auch schon die Nachbarn. Sobald ich meinen Dienst in Berlin erledigt habe, werde ich nach Hamburg aufbrechen. Es ist alles im Rollen – es gibt kein Zurück mehr! 

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Es ist nicht das erste Mal, dass Frank für Sie umzieht…

Das stimmt. Er hat damals Mallorca für mich verlassen, damit wir nicht weiter eine Fernbeziehung führen müssen. Frank macht das alles gerne für mich. Er hat schon so viel Gutes im Leben getan, dass ihm sein Platz im Himmel sicher ist. Mein Frank ist meine größte Stütze. Nachdem wir den Umzug gemeinsam beschlossen hatten, hat er sich sofort überlegt, was er für sich daraus machen kann. Er ist blitzgescheit und findet sich in jeder neuen Situation sofort perfekt zurecht. Wir ziehen ja nicht in irgendein Entwicklungsland, sondern nur nach Hamburg. Von der Lebensqualität her ist das alles ein großer Gewinn für uns beide. 

Der Hamburger Regen kommt von allen Seiten und ist für die meisten Zugezogenen eine echte Herausforderung. Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht?  

Wir kommen aus Brandenburg und waren dort immer für jeden Tropfen Regen dankbar. Das neue Haus hat einen großen Garten – es soll bitte weiter schön kräftig regnen, damit der Rasen grün bleibt. Wo es regnet, ist es grün! Aber wenn es so viel regnet, kann ich mich noch mehr darauf konzentrieren, das Haus innen schön zu gestalten (lacht). 

Wenn Sie zwischen Berlin und Hamburg pendeln stehen Sie täglich um 4 Uhr auf. Was machen Sie, wenn Sie plötzlich so viel länger schlafen können?

Vielleicht gehe ich schwimmen? Oder ich laufe durch den Park? Oder ich gehe um 4:30 Uhr rudern auf der Alster? Es wird toll werden! Vielleicht wecke ich dadurch endlich mein sportliches Ich (lacht). Am liebsten wäre es mir, ich würde es schaffen, einfach länger zu schlafen. Bis 5:10 Uhr (lacht). Vielleicht ändert sich mein Rhythmus ja mit der Zeit. Es ist schließlich alles eine Frage der Gewohnheit. 

(Quelle: TINA) 

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