Bewegende Beichte

Schicksal der Woche: "Ich habe Angst vorm Älterwerden"

Wiebke* (59) fürchtet sich vor dem Älterwerden. Da ihr 60. Geburtstag kurz bevorsteht, wird das Thema immer präsenter.

Frau macht sich Gedanken über das Älterwerden.
Wiebke denkt viel über die Zukunft nach. Wie altert man glücklich? Foto: fizkes/ iStock
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In unserer neuen Rubrik 'Schicksal der Woche' berichten Menschen anonym über sensible Themen, die sie bewegen. Liebenswert befragt nachträglich einen Experten zu diesem Thema: Was kann man in einer solchen Situation machen, worauf sollte man unbedingt achten und was ist ein absolutes No-Go?

Das Schicksal dieser Woche: Eine Frau, die sich vor dem Älterwerden fürchtet.

Wiebke* versucht ihr Leben in vollen Zügen zu genießen. Jedoch stößt ihr das Konzept des Alters übel auf. Über die „magische Grenze“ zu einem neuen Lebensabschnitt ohne jugendliche Illusionen:

Man wird mit zunehmendem Alter anders wahrgenommen

Wissen Sie, woran man sein eigenes Älterwerden bemerkt? Wenn junge Männer einen um ein Taschentuch bitten. Genau das ist mir passiert. Drei Wochen vor meinem 60. Geburtstag.

Ich ging nach der Arbeit noch mit einer Kollegin einen Campari trinken. In einer Bar um die Ecke, die jeden Donnerstag einen sogenannten After-Work-Club veranstaltet. Wir saßen fröhlich tratschend am Tresen, als wie aus dem Nichts ein hochgewachsener junger Mann auftauchte: „Entschuldigen Sie bitte, hätten Sie vielleicht ein Taschentuch für mich?“ Sehe ich so aus, als ob ich Taschentücher mit mir herumschleppe? Die kramen doch nur Omas aus ihrer Handtasche. Und überhaupt: Seit wann werde ich als Einzige in dieser Bar gesiezt?

In meinem Leben hat sich im Laufe der Jahre viel verändert

Gut, ich will nicht jammern. Irgendwann trifft es jeden und jede. Das Leben neigt sich unweigerlich seinem Ende zu. Doch bis Anfang fünfzig hast du wenigstens noch die Illusion von Jungsein. Das wird sich jetzt schlagartig ändern. Sechzig ist ein amtliches Alter. Vorbei ist es mit den Neuanfängen und den tausend Möglichkeiten. Da kann man nur noch das verwalten, was man in den Händen hält. Was halte ich in den Händen? Ist das Glas halb leer oder halb voll?

Sicher – ich hatte bisher ein erfülltes Leben. Da sind an allererster Stelle meine beiden Kinder. Anton und Luise sind jetzt 24 und 19 Jahre alt und leben beide noch zuhause. Zu sehen, wie sie heranwachsen und ihre eigenen Wege finden – das macht mich glücklich. Und ich bin stolz darauf, es nach meiner Scheidung geschafft zu haben, die beiden Kinder und mich allein durchzubringen. Das war nicht immer leicht. Klaus und ich hatten uns vor acht Jahren getrennt. Ziemlich bald darauf lernte er eine neue Frau kennen – und verschwand komplett aus unserem Leben. Erst wurden seine Besuche seltener, dann stellte er die Unterhaltszahlungen ein. Inzwischen lebt er „mittellos“ mit seiner Frau und zwei „neuen“ Kindern in Holland.

Frauen dürfen nicht in Ruhe alt werden

Seit drei Jahren arbeite ich wieder in Vollzeit. Mein Beruf als Sekretärin in einer PR-Agentur macht mir viel Spaß, meine Arbeit wird anerkannt. Und von meinem Verdienst können wir drei ganz ordentlich leben. Doch in letzter Zeit frage ich mich immer häufiger, ob ich wirklich alles aus meinem Leben gemacht habe. Als ich 20 war, wollte ich die Welt erobern. Das ganze Leben lag noch vor mir. Heute habe ich eine gescheiterte Ehe hinter mir. Und ein Märchenprinz ist nicht in Sicht. Als bald 60-Jährige mit zwei heranwachsenden Kindern stehst du doch ganz hinten in der Schlange, wenn es darum geht, noch mal den Mann fürs Leben zu finden.

Na ja, und auch wenn man selbst kein Problem mit dem Alter hätte – dann haben die lieben Mitmenschen es. Frauen dürfen nicht in Ruhe alt werden. Das habe ich inzwischen gelernt. Entweder machen sie sich untereinander verrückt - wer hat den straffsten Busen und den flachsten Bauch? - oder sie werden von den Männern „abgestraft“. Nennen Sie mir einen Mann in den Sechzigern, der sich bewusst für eine gleichaltrige Frau entscheidet! Auch wenn Frauen mit 60 heute sehr viel eigenständiger im Leben stehen – der Frauenbewegung sei Dank – so hat sich an unserem Selbstverständnis in puncto Männer nicht viel geändert. Noch immer fühlen wir uns nur komplett mit einem Mann an unserer Seite. Das ist jedenfalls meine Meinung.

Ich wünsche mir die Zuversicht von früher

Ich bin mit den Jahren dünnhäutiger geworden. Mir fehlt die Zuversicht von Anfang 20, das Gefühl: Alles ist möglich, ich lebe unbegrenzt! Allerdings habe ich auch einige positive Veränderungen wahrgenommen. Ich kenne mich heute viel besser. Ich weiß zum ersten Mal in meinem Leben, was mir gefällt und was nicht, was zu mir passt und was nicht. Das gibt mir eine Gelassenheit und Ruhe, die ich vorher nicht hatte. Für die Zukunft wünsche ich mir zwei Dinge: einen Partner und dass meine Kinder ihren Weg finden. Dann wäre ich zufrieden, dann wäre das Glas halb voll.

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Das sagt die Expertin

Sandra Neumayr ist überzeugt davon, dass sich im neuen Lebensabschnitt alles darum dreht, sich neu zu definieren und herauszufinden, was einen wirklich erfüllt und glücklich macht.

Sandra Neumayr - Foto: Sandra Neumayr

Sandra Neumayr

Unsere Expertin zum Schicksal der Woche: Sandra Neumayr

Als psychologische Beraterin betreut Sandra Neumayr Menschen in Lebens- und Beziehungskrisen. Vor allem berät sie Menschen im Hinblick auf Erziehungsfragen, aber auch in allen Karrierefragen.

Die Visionärin, Solopreneurin und Impulsgeberin befasst sich in ihren Sitzungen vor allem damit, die Stärken und Herausforderungen ihrer Klienten herauszuarbeiten und diese dann als Ressourcen zu nutzen, um ein erfolgreicheres Leben zu führen - auf vielen Ebenen.

Weitere Infos über unsere Expertin und ihr Buch finden Sie hier.

Wieso haben wir Angst vor der Zukunft?

Ich denke hier sollte man differenzieren. Sicher gibt es derzeit weltpolitisch und auch ökologisch Anlässe, sich zu sorgen. Hinzukommen Existenzängste. Die Zukunft ist für viele subjektiv empfunden nicht mehr gut planbar, was natürlich verunsichert.

Bei Ihrem Beispiel könnte ich mir vorstellen, dass es hier um andere Ängste geht. Sicher wird in diesem Lebensabschnitt die eigene Endlichkeit bewusster, die ersten Wehwehchen kommen und das Muttersein hat sich verändert. Hinzu kommt der vielleicht nahende Ruhestand. Und natürlich die Single-Lebensform - hier ist vermutlich manchmal Einsamkeit spürbar. Die Dame scheint sich neu finden zu müssen, ihr Leben umstrukturieren zu müssen, aber auch ihr Frausein neu definieren zu müssen: raus aus den gewohnten Mustern. Das alles verunsichert und macht Angst...

Inwieweit sind Ängste und Sorgen im Bezug auf den neuen Lebensabschnitt und vor allem die Partnersuche normal und wie kann am besten mit diesen umgehen?

Ich denke eine gewisse Unsicherheit im Bezug auf den neuen Lebensabschnitt ist normal und gehört auch zum Leben. Hier hilft es, sich bewusst mit dem Neuen im Leben auseinanderzusetzen und für sich neue erfüllende Wege zu suchen.

Wenn die Angst jedoch zur Belastung wird und noch andere Symptome wie zum Beispiel Schlafstörungen hinzukommen, ist es durchaus ratsam, zumindest mal mit dem Hausarzt darüber zu reden oder mal ein erstes Gespräch mit einem Psychotherapeuten zu führen. Dann kann gemeinsam eingeschätzt werden, ob es vielleicht sinnvoll wäre Unterstützung in Anspruch zu nehmen .

Die Angst keinen Partner mehr zu finden ist zunächst, subjektiv empfunden, sicher normal. Vor allem vor dem Hintergrund, dass jeder der allein lebt, natürlich seine individuelle Geschichte hat, aus der Ängste resultieren könnten. Hier ist es sicher dienlich, zunächst die eigene Vergangenheit gegebenenfalls mit professioneller Unterstützung zu betrachten, Verantwortung für die eigenen Muster zu übernehmen, die vielleicht mit zum Status quo geführt haben könnten. Damit eine neue Beziehung ohne destruktive Muster und Altlasten beginnen kann - einfach frei und mit Liebe.

Wie stärkt man sein Selbstbewusstsein im Alter? Gibt es Möglichkeiten, mit denen man sich langfristig wohler in seiner Haut fühlt?

Ich persönlich glaube gerade im Alter gilt es, seine Passion zu finden - das Warum fürs Leben. Wir können uns nicht mehr alleine über das Mutter-/ Vatersein und die Familie definieren. Irgendwann endet auch die Stärkung des Selbstwertes über die Karriere. Also braucht es neue Wege, soziales Engagement, neue Dinge lernen, Sport usw. Das Selbstbewusstsein alleine über Familie und Partnerschaft zu definieren wäre sicher kein guter Weg. Man kann auch diese Lebensphase als Geschenk betrachten!

Welche Maßnahmen können Betroffene in dieser Situation ergreifen? Welche Art von Therapie halten Sie für sinnvoll?

Ich könnte mir vorstellen, dass es sicher von Vorteil wäre, sich statt in die Probleme zu verstricken, die Situation anzuerkennen und proaktiv Lösungen zu suchen, einen neuen Sinn im Leben zu entdecken. Man könnte sich unter anderem folgende Fragen stellen:

Was macht mich aus? Wo liegen meine Interessen? Was wollte ich schon immer tun? Was erfüllt mich? Worauf bin ich neugierig?

Wichtig ist, dass Betroffene hier die Opferhaltung aufgeben und für sich und ihr Leben Verantwortung übernehmen. Lassen Sie mich hier Viktor Frankl zitieren:

"Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen."

Betroffene können jedoch ergänzend eine Form der Singleberatung oder andere Formen der Beratung in Anspruch nehmen, um sich neu zu definieren und neue Wege zu suchen. Was eine eventuelle Therapie angeht, ist sicher im individuellen Fall der Hausarzt oder ein Psychotherapeut der richtige Ansprechpartner.

*Anmerkung: Namen von der Redaktion geändert

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Quelle: Laura