Plaudertasche

Wieviel Privates darf mit in den Job?

Körperlich anwesend, aber mit dem Kopf ganz woanders: Das passiert jedem Mitarbeiter einmal. Aber was, wenn persönliche Probleme so belasten, dass man sie kaum verheimlichen kann?

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Meeting, Smalltalk, Tastatur-Geklapper - wie absurd scheint plötzlich die vertraute Normalität, wenn die eigene Welt zusammenzubrechen droht: weil zum Beispiel der Partner sich trennen will, ein Angehöriger oder man selbst erkrankt. Wie soll man sich da vor lauter Sorge auf seine Aufgaben konzentrieren?

Private Probleme gehören zwar zum Leben, aber bitte nicht an den Arbeitsplatz, so hat man es gelernt. Andererseits verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr. Und: "Angesichts des steigenden Fachkräftemangels und der hohen Ansprüche jüngerer Mitarbeiter können es sich Unternehmen kaum noch leisten, sich nicht für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter zu interessieren", sagt Gerd Hegenberg, Coach und externer Berater für betriebliches Gesundheitsmanagement. Aber was bedeutet das für den Umgang mit privaten Problemen am Arbeitsplatz? Was Experten sagen, wie Betroffene es erlebt haben:

Wann geht mein Privatleben den Chef etwas an?

Ob Krankheit, Schulden oder Liebeskummer - darüber müssen Mitarbeiter in den allermeisten Fällen keine Rechenschaft ablegen. Ausnahme: Hat das Problem unmittelbar Auswirkung auf die berufliche Tätigkeit, ist der Mitarbeiter sogar gesetzlich verpflichtet, den Arbeitgeber zu informieren. Etwa wenn ein Taxifahrer seine Fahrlizenz verloren oder ein Angestellter eines Lebensmittelbetriebs eine ansteckende Krankheit hat (zum Beispiel eine Salmonellen- oder Hepatitis-A-Infektion).

In diesem Video sehen Sie kleine Tipps, die helfen, besser mit Enttäuschungen umzugehen (Artikel wird unter dem Video fortgesetzt):

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Wem kann ich mich anvertrauen?

Im Idealfall dem direkten Vorgesetzten, rät Doktor Stephan Weiler, Betriebsarzt bei Audi in Ingolstadt: "Der kann das Thema am besten im Team kommunizieren und gegebenenfalls Arbeit umverteilen." Bei psychischem Stress sollte man seine Worte aber gut überlegen. "Legen Sie den Schwerpunkt nicht auf Ihr Befinden, bleiben Sie bei den Fakten", rät Coach Gerd Hegenberg. Also bei einer Trennung weniger über den persönlichen Schmerz als über die Begleitumstände sprechen, etwa dass Sie eine neue Wohnung suchen oder sich intensiver um die Eltern kümmern müssen. Wenn man aber dem Chef nicht vertraut? Dann sind Betriebsrat oder Betriebsarzt gute Ansprechpartner. Beide sind zu Verschwiegenheit verpflichtet und kennen die Rechtslage. Der Betriebsrat kann außerdem zwischen Mitarbeiter und Vorgesetztem vermitteln; der Arzt den Betroffenen krankschreiben oder einen Therapeuten empfehlen.

Darf ich lügen?

Juristisch gesehen, dürfen Sie alle Probleme verschweigen, die nicht unter die gesetzliche Informationspflicht fallen. Selbst wenn Sie lügen, dürfen Ihnen daraus keine rechtlichen Nachteile entstehen. Doch Trauer und Frust lassen sich auf Dauer schwer verheimlichen. "Früher oder später verstrickt man sich in Widersprüche", gibt Betriebsarzt Doktor Weiler zu bedenken. Wer für sich beschlossen hat, sich Vorgesetzten gegenüber nicht zu öffnen, der sei mit einem klaren Statement gut beraten: "Mir geht es zurzeit nicht so gut, aber ich möchte nicht darüber sprechen."

Die Kollegen wissen Bescheid - was ist zu beachten?

In der Regel reagieren Kollegen mit Verständnis und Rücksicht, wenn es einem Teammitglied schlecht geht. "Diese Hilfsbereitschaft aber bitte nicht ausnutzen", sagt Doktor Weiler. Das Team sollte merken, dass Sie im Rahmen des Möglichen Ihr Bestes geben und nur um Entlastung bitten, wenn es wirklich nicht anders geht.

Ich war zu redselig - und jetzt?

Liegen die Nerven blank, öffnet man sich leicht einer mitfühlenden Kollegin - und schon macht die persönliche Krise die Runde. Könnte man das bloß rückgängig machen! "Aber leider merken sich Menschen das am besten, was sie vergessen sollen", sagt Doktor Weiler. Da hilft nur noch Schadensbegrenzung nach vorn. "In einem emotionalen Moment geplaudert zu haben verpflichtet ja nicht zu weiteren Informationen", meint Dr. Weiler. Entschärfen Sie Neugier, indem Sie höflich Grenzen setzen: "Ich kann gerade nichts Neues erzählen." Bald werden keine Nachfragen mehr kommen.

Kann ich eine Weile kürzertreten?

Theoretisch kann jeder Arbeitnehmer einen Antrag auf Teilzeit stellen, sogar ohne Begründung. Der Arbeitgeber kann allerdings unter Berufung auf "betriebliche Umstände" ablehnen. Er muss dann beweisen, dass die Arbeitszeitreduzierung den Ablauf oder die Sicherheit im Betrieb wesentlich beeinträchtigen oder unverhältnismäßige Kosten verursachen würde. Wichtig: Ein Recht auf Rückkehr in Vollzeit gibt es (noch) nicht.

Für Arbeitnehmer, die einen Angehörigen pflegen, hat sich die rechtliche Lage verbessert: Eine sofortige Freistellung vom Job ist für bis zu zehn Arbeitstage möglich; es wird sogar für diese Zeit ein "Pflegeunterstützungsgeld" (90 Prozent des Nettogehalts) bezahlt. Außerdem besteht für Mitarbeiter in Unternehmen mit mehr als 25 Beschäftigten ein Rechtsanspruch auf bis zu 24 Monate Familienpflegezeit. Mehr dazu lesen Sie hier: Das sind Ihre Rechte zur Freistellung bei der Pflege von Angehörigen

Auch während des Tiefs leistungsfähig sein - so klappt es

In Krisenzeiten ist man von Sorgen beherrscht - und oft nicht so recht bei sich selbst. Um sich konzentrieren zu können, muss die innere Mitte wiedergefunden werden, sagt Thierry Ball, systemischer Berater und Mentalcoach aus Karlsruhe (thierry-ball.de). Fünf Anregungen, die einem in dieser Situation helfen können:

  1. Nehmen Sie sich morgens und abends ein paar Minuten Zeit für sich (ohne Musik!): Still sitzen, die Augen schließen, den Atem spüren. Alle Gedanken dürfen kommen und gehen, so verlieren sie automatisch an Gewicht. Was Sie verdrängen wollen, wird dagegen umso dominanter. Langsam auf je 15 Minuten steigern.
  2. Wut, Trauer, Enttäuschung: Alle Emotionen haben ihre Berechtigung. Sie zu verdrängen macht sie erst unerträglich. Im Job sind sie aushaltbar, wenn sie bewusst ihren Platz bekommen. Erlauben Sie sich zum Beispiel, ein Meeting kurz zu verlassen, wenn Sie von Gefühlen überwältigt werden.
  3. Was soll aus Mutter werden? Warum hat er mich betrogen? Was ablenkt, ist das Grübeln über Vergangenes oder Zukünftiges. Doch Konzentration gelingt einem nur im Hier und Jetzt. Holen Sie sich also bewusst zurück in die Gegenwart, wenn Ihre Gedanken abschweifen. Sich selbst Sätze wie "Komm zurück!" oder "Ich bin ganz präsent" vorzusagen kann den positiven Effekt sogar noch verstärken.
  4. Üben Sie sich durch Selbstansprache darin, das Problem anzunehmen, anstatt es zu verurteilen. Sagen Sie sich: "Ich akzeptiere die Situation", anstatt sich mit der Frage, womit Sie das verdient haben, zu quälen. Vergebung ist die Basis für Besserung und Heilung.
  5. Sie sind Teil der Krise - also können Sie auch selbst einen Beitrag zu ihrer Überwindung leisten. Richten Sie Ihren Blick auf das Ziel, wieder "ganz" zu werden. Die Zuversicht, aus eigener Kraft ins Lot zu kommen, setzt auch Energie für die Arbeit frei.

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