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Experte im Interview

Welt-MS-Tag: Diese neuen Therapien geben Patienten Hoffnung

Im Interview hat Prof. Dr. Kleinschnitz mit uns über neue, hoffnungsgebende Therapien in der Behandlung von Multiple Sklerose gesprochen.

Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz im Interview zum Welt-MS-Tag.
Am 30. Mai ist Welt-MS-Tag. Prof. Dr. Kleinschnitz vom Universitätsklinikum Essen hat im Interview über neue Therapiemöglichkeiten gesprochen. Pornpak Khunatorn / iStock; Universitätsmedizin Essen (2)

Welt-MS-Tag jährlich am 30. Mai

Am 30. Mai 2020 jährt sich der Welt-MS-Tag. Zu diesem Anlass hat Liebenswert mit Professor Dr. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen gesprochen. Der erfahrene Neurologe hat uns im Interview die verschiedenen Verlaufsformen von Multiple Sklerose erläutert und zudem erklärt, welche neuen Therapien den Patienten Hoffnung geben können.

Lesen Sie mehr über die Erkrankung:

Neurologe Prof. Christoph Kleinschnitz im Interview

Liebenswert: Mediziner unterscheiden die schubförmig remittierende Multiple Sklerose von der primär chronisch-progredienten und der sekundär chronisch-progredienten MS. Wie lassen sich die Verlaufsformen voneinander abgrenzen?

Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz: Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Entzündungszellen aus dem Blut greifen Nervenhüllen in Gehirn und Rückenmark an und zerstören Nervenzellen.

Die schubförmig remittierende Multiple Sklerose tritt am häufigsten auf. Etwa 80 bis 85 Prozent aller MS-Patienten leiden an dieser Verlaufsform. Wie der Name schon sagt, sind Erkrankungsschübe kennzeichnend. Von einem Schub ist die Rede, wenn ein Betroffener über mehrere Tage hinweg neurologische Symptome entwickelt. Das kann zum Beispiel eine Sehstörung sein. Einige Tage bis wenige Wochen sieht der Patient unscharf, manchmal sehen Betroffene auch Doppelbilder. Die Symptome bilden sich zu Beginn der Erkrankung meist komplett zurück. Im weiteren Verlauf können nach einem Schub Defekte zurückbleiben. Der Patient sieht dann zum Beispiel nicht mehr so scharf wie vor dem Schub.

Lesen Sie bei Praxis VITA mehr über den Verlauf von Multipler Sklerose: Wie sieht der Verlauf einer MS aus?

Noch vor einigen Jahren ging die schubförmig remittierende MS nach circa zehn bis 20 Jahren bei vielen Betroffenen in die sekundär chronisch-progrediente Verlaufsform über. Das passiert heute deutlich seltener und die Zeitspanne bis zum Übergang in die sekundär chronisch-progrediente Verlaufsform ist länger geworden. Der Grund dafür sind die vielen inzwischen verfügbaren Immuntherapien. Bei der sekundär chronisch-progredienten Verlaufsform treten Schübe nur noch selten auf. Die MS schreitet langsam, aber kontinuierlich fort.

Neben diesen beiden Verlaufsformen gibt es die primär chronisch-progrediente Multiple Sklerose. Bei dieser Form verläuft die MS schleichend. Es treten keine MS-Schübe auf. Patienten klagen über eine schleichende Verschlechterung des Gehvermögens, des Gedächtnisses, des Gleichgewichts und der Harnblasenfunktion.

Erfahren Sie im Video mehr über die Ursachen und Symptome von MS: (Das Interview geht unter dem Video weiter)

„Für die progrediente Verlaufsform gab es lange keine Medikamente.“
Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz

Meist tritt die schubförmige Verlaufsform zu Beginn auf und geht dann zu einem späteren Zeitpunkt in die schleichende Form über. Warum ist die Therapie der progredienten MS lange Zeit nicht möglich gewesen?

Die beiden progredienten Verlaufsformen konnten nicht behandelt werden, weil es keine Medikamente gab. Das liegt an den Krankheitsabläufen: Bei der schubförmigen MS stehen entzündliche Prozesse im Vordergrund, bei den progredienten Verlaufsformen die Degeneration, also der Untergang von Nervenzellen. Es ist ungleich schwerer, den Untergang der Nervenzellen therapeutisch zu beeinflussen, als die Entzündung zu bekämpfen.

Multiple Sklerose äußert sich bei jedem Betroffenen anders. Für die schleichende Verlaufsform gibt es in Deutschland erst seit 2018 bzw. seit 2019 zugelassene Medikamente. Wie sah die Therapie der progredienten MS vorher aus?

Vorher stand die symptomatische Therapie im Vordergrund. Symptome wie Spastiken, Störungen der Blasenfunktion, Gedächtnisstörungen oder Einschränkungen der Gehfähigkeit wurden behandelt. Dabei kamen verschiedene Medikamente, aber auch Physiotherapie, Rehamaßnahmen und Hilfsmittel wie Rollatoren oder Rollstühle zum Einsatz. Diese Maßnahmen haben aufgetretene Symptome gelindert, konnten aber den Erkrankungsverlauf nicht beeinflussen.

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Das Fortschreiten der Erkrankung kann mithilfe der Medikamente verlangsamt werden, was vielen Patienten Hoffnung auf mehr Lebensqualität gibt. Wie sieht eine Behandlung mit den neu zugelassenen Medikamenten aus?

Eines der neu zugelassenen Medikamente ist ein monoklonaler Antikörper, der sich gegen B-Zellen richtet. B-Zellen produzieren Antikörper und haben eine wichtige Funktion für die Reaktion des Immunsystems auf fremde Organismen oder Substanzen. Der B-Zell gerichtete Antikörper, der halbjährlich als Infusion verabreicht wird, zerstört diese Zellen. Das andere Medikament ist eine Tablette, die einmal täglich eingenommen werden muss.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Behandlung der progredienten MS bisher gemacht?

Meine praktischen Erfahrungen entsprechen den Erkenntnissen, die man im Rahmen der klinischen Studien erlangte. Die Medikamente reduzieren die MS-bedingten Entzündungen. Dadurch entwickeln viele Patienten langsamer und weniger Behinderungen. Behinderungen, die schon bestehen, verschlechtern sich langsamer oder gar nicht.

Der Blutmarker NfL als hilfreicher Faktor in der Diagnose und Therapie von MS

Multiple Sklerose wird nicht ohne Grund auch die Krankheit der 1.000 Gesichter genannt. Das macht eine Diagnose oftmals sehr schwierig und die Krankheit wird nicht selten erst sehr spät erkannt. Mithilfe des Blutmarkers NfL  (Neurofilament-Light-Chain-Protein) soll eine Diagnose von MS möglich sein, bevor erste Symptome auftreten. Können Sie uns das genauer erklären?

Die Untersuchungen dazu stecken noch in den Kinderschuhen. Die NfL-Konzentration im Blut kann mit einem Bluttest nachgewiesen werden. Allerdings lässt sich Multiple Sklerose damit nicht diagnostizieren. Wir wissen, dass NfL ein Marker ist, der Schädigungen von Nervenzellen und Nervenzellfortsätzen im Gehirn anzeigt. Der NfL-Wert steigt an, wenn es zum Untergang von Nervenzellen kommt, also Nervenzellen zugrunde gehen. Aber Nervenzellen können nicht nur MS-bedingt untergehen, sondern zum Beispiel auch durch einen Schlaganfall oder Alzheimer. Die im individuellen Fall vorliegende Ursache muss folglich dann noch abgeklärt werden.

Welchen Einfluss hat der Biomarker NfL auf die MS-Therapie und bei welchen Patienten wird er mittlerweile bestimmt?

Der NfL-Wert von Menschen mit MS wird bisher nur im Rahmen klinischer Studien ermittelt. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Blutmarker anzeigt, ob ein MS-Patient auf die verordnete Therapie anspricht oder nicht. Sinkt die NfL-Konzentration im Blut, scheint das ein Anzeichen dafür zu sein, dass die gewählte Therapie wirksam ist. Der NfL-Wert könnte zukünftig also ein relevanter Faktor im Rahmen des Therapiemonitorings sein.

(Essen, 14. Mai 2020)

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