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Ihr Mann hatte ALS

Simone Ritscher: "Ich habe mit meinem Schicksal gehadert"

Schauspielerin Simone Ritscher (61) spricht offen über den Tod ihres Ehemannes Lennardt Krüger († 61, gebürtig Hardy Krüger), das Leid, das sie in den vergangenen Jahren aufgrund seiner Erkrankung verspürte und darüber, was ihr jetzt Kraft gibt.

Schauspielerin Simone Ritscher im Jahr 2012.
Schauspielerin Simone Ritscher bei einer Talkshow im Jahr 2012. imago images / STAR-MEDIA

Durch welche tiefen Täler der Star aus Serien wie 'Sturm der Liebe', 'Verbotene Liebe' und 'Die Kinder vom Alstertal' schon gehen musste, wissen bis heute vermutlich nur die Wenigsten.

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Im Interview sprach Simone Ritscher nun ganz schonungslos und ehrlich mit uns darüber, warum es ihr auch jetzt nicht gut geht - und welchem schönen Ereignis sie es zu verdanken hat, dass sie doch positiv in die Zukunft schaut.

Tod und Krankheit brachten sie an ihre Belastungsgrenze

Liebenswert: Leider erleben Sie nicht nur durch die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Schauspielbranche, sondern auch privat aufgrund eines Schicksalsschlags gerade eine sehr schwierige Zeit: Ihr Mann ist im Juni nach langjähriger, unheilbarer Krankheit verstorben. 2013 hatte er die Diagnose ALS* erhalten. Seit 2016 lebte er im Hospiz. Wie haben Sie als Angehörige seine Erkrankung miterlebt?

Simone Ritscher: Es waren fast acht Jahre Hölle für mich. Diese Zeit war einfach schrecklich. Ich habe meinen Mann anfangs drei Jahre lang ganz allein gepflegt, bis ich nur noch 45 Kilo wog. Unterstützung bekommt man in so einer Situation so gut wie gar nicht. Beruflich war natürlich auch fast nichts möglich, ich konnte ja gar nicht weg. Das war sehr schwer. Es ist natürlich auch körperlich eine große Belastung, wenn man nicht schlafen kann und sieben Jahre lang eigentlich nur Albträume hat. Zudem sind auch meine Eltern innerhalb kurzer Zeit gestorben. Das alles zu verkraften, erst die Krankheit meines Mannes und dann drei Tode hintereinander, das hat mir schon sehr viel abverlangt.

„Es wird mir Stück für Stück bewusst, dass es diesen Menschen, den ich geliebt habe und mit dem ich 38 Jahre verbracht habe, nicht mehr gibt.“
Simone Ritscher

Was hilft Ihnen jetzt dabei, Ihre Trauer zu bewältigen und wieder nach vorn zu blicken?

Die einzige und wirklich richtig tolle Unterstützung war und ist immer unser Sohn Philipp: Er ist der Mensch, der sofort spürt, wenn meine Augen anders aussehen als sonst oder meine Stimme anders klingt. Wir haben immer schon über alles gesprochen, sind füreinander da. Wir haben ein ganz tolles, offenes Verhältnis zueinander. Die Liebe zu meinem Kind ist einfach bedingungslos.

Die Freude auf ihr Enkelkind gibt Simone Ritscher neuen Lebensmut

Simone Ritscher (Fortsetzung): Philipp hat vor einem Jahr geheiratet und ich werde im Dezember Oma, darüber freue ich mich wahnsinnig. Das sind jetzt meine Hoffnungsschimmer. Das Zusammenhalten, dass man über unseren Verlust reden und in Erinnerungen schwelgen oder aber zusammen heulen und fluchen kann: das hilft mir schon sehr. Wenn ich diese Familie nicht hätte, dann wäre das sehr bitter. Vor allem, wenn man beruflich nicht dadurch aufgefangen wird, dass man jeden Tag zur Arbeit gehen und sich ablenken kann. Wenn man sich den Tag selbst gestalten muss und alles nur schwarz ist, ist es schwer. Das waren schlimme Monate und mir geht's auch jetzt nicht gut, das ist klar. Es wird mir Stück für Stück bewusst, dass es diesen Menschen, den ich geliebt habe und mit dem ich 38 Jahre verbracht habe, nicht mehr gibt. Wir hatten zwei Tage vor seinem Tod 35. Hochzeitstag – das alles kann man nicht so leicht wegstecken.

Simone Ritscher (Fortsetzung): Ich komme zurecht, aber die Trauer ist natürlich groß. Das Beste ist jetzt, rauszugehen, sich mit anderen zu treffen oder sich zu beschäftigen. Ich lese eh schon immer unwahrscheinlich viel, verschlinge Bücher regelrecht, oder male und versuche einfach, aktiv zu sein. In den schwärzesten Stunden waren auch zwei liebe, gute Freunde, zu denen auch Hanno [Dobiat, Anmerkung der Redaktion: 'Sturm der Liebe'-Kleindarsteller] gehört, immer für mich da. Ich denke, es wird nie ganz vorbeigehen, aber man lernt irgendwann, damit umzugehen. Der Schmerz bleibt immer, aber er wird anders werden. Das merke ich jetzt schon. Ich fahre ab und zu raus in den Wald, wo mein Mann beigesetzt wurde, ganz wunderschön und ohne Kitsch, und setze mich eine Weile auf einen Baumstamm. Da finde ich Ruhe und bin auch nicht verzweifelt, denn für mich ist er nicht dort, sondern überall. Dieser Ort ist nur eine Art Besinnungsstelle, wo man auch mal ein Blümchen hinbringen kann oder einfach allein sein kann.

Simone Ritscher und ihr Mann Lennardt Krüger mit den KollegInnen von 'Die Kinder vom Alstertal'.
Simone Ritscher und ihr Mann Lennardt Krüger, der ebenfalls Schauspieler und Synchronsprecher war, am Set von 'Die Kinder vom Alstertal' (lief 1998 bis 2004). imago images / United Archives

Wie sehr haben Sie die Erlebnisse der vergangenen Jahre als Mensch verändert?

Ich war eine Zeit lang verbittert und missgünstig, habe mit meinem Schicksal gehadert, aber mittlerweile hat sich das wieder gelöst. Ich bin auch anderen Menschen gegenüber wieder offener und habe Verständnis, wenn sie mit meiner Situation nicht so umgehen können oder das Ganze einfach totschweigen. Es hat mich insofern verändert, dass ich mit vielem, auch mit anderen Menschen, gnädiger bin und ich mir manchmal denke: So schlimm ist es meistens nicht, einiges relativiert sich schnell wieder.

Wie sich Ehemann Lennardt Krüger im Laufe der Zeit veränderte

Sie haben gerade in einem Video über sich gesagt, dass Sie im Zuge der Krankheit Ihres Mannes lernen mussten, allein zu sein – und dabei doch nicht ganz allein …

Das Irre war ja: Mein Mann kam im Oktober 2016 ins Hospiz, mit der Auskunft, dass er noch zwei Monate zu leben habe. Daraus sind drei Jahre und sieben Monate geworden. Er war zum Schluss völlig gelähmt. Es war schrecklich, das so hilflos mit anzusehen und verarbeiten zu müssen. Körperlich war kaum noch etwas von ihm übrig, aber geistig war er bis zuletzt noch ganz wach, was manchmal fast noch schlimmer ist. Natürlich hat sich auch seine Persönlichkeit verändert. Damit umzugehen, für ihn da zu sein und trotzdem aber auch an mich selbst denken zu müssen und etwas Abstand zu wahren, das fiel mir sehr schwer. Dumme Tipps wie 'Leb' doch dein Leben!' helfen einem da nicht – wie sollte man das auch tun? Man ist doch für diese Person verantwortlich.

„Ich versuche, nicht mehr nur Altem nachzuhängen, sondern neue Erinnerungen zu kreieren.“
Simone Ritscher

Simone Ritscher (Fortsetzung): Natürlich war es schon auch eine Erleichterung, als mein Mann dann ins Hospiz kam, weil wir wussten, dass er dort gut aufgehoben ist. Ich oder mein Sohn waren jede Woche dort. Meinen Mann mit drei Pflegern zu Hause zu versorgen, das wollte ich einfach nicht und dazu stehe ich auch. Das kann nur jemand beurteilen, der das selbst erlebt hat. Nach vier Jahren war ich irgendwann mal an einem Punkt, an dem ich nicht mehr konnte und ich mich gefragt habe: Willst du weiterleben oder dich umbringen? Diese Überlegung war schon da. Ich habe dann aber gesagt: Nein, ich will leben – und dann muss man das auch tun. Ich habe gelernt, mich an kleinen Sachen zu erfreuen und jetzt gerade kann ich mich familiär gesehen ja auch endlich wieder auf etwas Großes freuen. Ich versuche, nicht mehr nur Altem nachzuhängen, sondern neue Erinnerungen zu kreieren.

Worauf freuen Sie sich als werdende Oma aktuell am meisten? Was wollen Sie mit Ihrem Enkelkind später auf jeden Fall machen?

Ich hab' unendlich viel vor mit ihm. Das Schöne ist: Mein Sohn und seine Frau Susi wohnen hier in Berlin zehn Minuten zu Fuß von mir entfernt und wir haben eh ganz viel Kontakt. Da sie beruflich so eingespannt sind, werden sie mich als Oma auch sehr brauchen, was für mich das Allerschönste ist. Natürlich werde ich Tag und Nacht da sein. Wenn das Kind größer wird, möchte ich so viel mit ihm machen: natürlich sämtlichen Blödsinn, aber auch zusammen backen und kochen, basteln, malen und durch Wälder streifen, auf Wiesen rumtoben. In meiner Wohnung richte ich außerdem gerade ein Zimmer ein, damit mein Enkelkind auch bei mir ein Zuhause hat. Das macht schon Spaß. Als ich am Muttertag von Philipp und Susi erfahren habe, dass ich Oma werde, war das wirklich ein großes Glücksgefühl für mich. Es ist schon erstaunlich, wie Tod und Leben in so kurzer Zeit so nah beieinander liegen können. Das Leben tut gleichzeitig weh und ist dann auch wieder unendlich schön.

Was ist es, das Ihr Leben besonders liebenswert macht?

Zum einen sind das mein Sohn und seine baldige kleine Familie. Das ist das Wichtigste für mich. Zum anderen natürlich Freunde. Außerdem liebe ich die Malerei, Serien, Waldspaziergänge mit ihrer absoluten Ruhe und diesem besonderen Geruch in der Nase, und Bücher: sie sind meine Fluchten, meine Rettungen, meine Fantasie. Ich liebe alles, was im weitesten Sinne mit Sprache zu tun hat.

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* Bei ALS handelt es sich um Amyotrophe Lateralsklerose, eine Erkrankung des motorischen Nervensystems, die eine Muskelschwäche und Muskelschwund mit sich bringt. Bei Betroffenen kommt es im weiteren Verlauf zunehmend zu körperlichen Einschränkungen im alltäglichen Leben.

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