Emotionales Interview Mary Roos: "Ich erfülle meiner Mutter ihren letzten Wunsch"

Sängerin Mary Roos (70) verrät im bewegenden 'Meins'-Interview, warum sie wirklich ihre Karriere beendet und was sie mit ihrer dadurch gewonnenen Zeit anfangen möchte.

Mary Roos beendet aus einem emotionalen Grund ihre Karriere.
Hinter ihrem Abschied aus dem Showgeschäft steckt ein sehr emotionaler Grund, wie Mary Roos erklärt.
Inhalt
  1. Mit 70 möchte sich Mary Roos nicht mehr hetzen lassen
  2. Der Tod ihres Bruders Franz Schwab († 69) war ein Zeichen
  3. Was sich Mary Roos auf keinen Fall vorstellen kann

Mary Roos trägt eine große Sonnenbrille und wirkt ein wenig leise an diesem Sommermorgen in Hamburg. Außergewöhnlich für diese immer gut gelaunte und lachende Frau. "Ja, ich habe gerade viel nachzudenken, aber ich bin auf einem guten Weg ...", sagt sie, als würde sie sich selbst aufmunternd zunicken. Sie rückt ihren Sessel zurecht am Tisch des Cafés, setzt sich mit dem Rücken zu den anderen Gästen und nippt an ihrem Wasserglas.

MEINS: Liebe Mary, wohin soll er denn führen, Ihr Weg? Herunter von der Bühne - und dann?

Mary Roos: Na, ein paarmal bin ich noch zu sehen, ich habe ja Verträge zu erfüllen, aber dann ist Schluss. Mir ist es ernst, ich werde das schaffen! Ich wollte immer aufhören, wenn es am schönsten ist. Und wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, kann ich ja Theater spielen. Aber singen werde ich nicht mehr. Da bin ich mir ganz sicher.

 

Mit 70 möchte sich Mary Roos nicht mehr hetzen lassen

Das ist ein immenser Schritt nach sechs Jahrzehnten im Rampenlicht. Hat Sie das Gauklerleben als Künstlerin ein wenig müde gemacht oder fehlt der Spaß?

Der Spaß fehlt mir nie! Die Autogrammstunden nach meinen Auftritten dauern ja manchmal länger als mein Bühnenprogramm. Das ist meine Art, Danke zu sagen für die Treue meiner Fans, das ist mein Respekt an die Leute. Aber ich bin so müde vom Herumreisen. Das Reisen kostet die meiste Kraft. Viele Stunden unterwegs, ankommen, einchecken, essen, Maske, Bühne. Das möchte ich nicht mehr.

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Was ist es, was Sie sich jetzt gönnen werden, wenn Sie plötzlich Zeit für sich haben?

Ich werde viel reisen! (Sie lacht, als sie den Widerspruch bemerkt, dann wird sie ernst und streicht über die Tischplatte.) Ich erfülle tatsächlich den Wunsch meiner Mutter, wie ich es ihr am Sterbebett versprochen habe [Anmerkung der Redaktion: Ihre Mutter Maria starb 1979 an Krebs], und reise nach China. Meine Mutter wollte immer nach China - das mache ich jetzt für sie. Ganz in Ruhe und voller Neugier auf die fremden Menschen und die Kulturen, sich einfach treiben lassen. Zeit wird mein größter Luxus sein ...

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Wie geht es Ihnen zu Hause in Hamburg mit diesem neuen Reichtum, nicht mehr jeden Tag funktionieren zu müssen?

Wenn ich zu Hause bin, lade ich meine Akkus auf. Da gehe ich nicht aus. Eigentlich wirklich nie. Ich räume Schränke auf, bin im Garten, schnipple hier und da herum, pflanze. Ich kann sehr gut mit mir allein sein, ich kann gut mit mir - auch ganz lange -, und ich langweile mich nie mit mir. Das empfinde ich als ein großes Glück!

Wir bestellen uns ein Spargelsüppchen und lachen darüber, dass wir sicher gleich gertenschlank werden, weil Spargel so toll entwässert.

Viele können gar nicht gut allein sein und mögen sich lieber in Gruppen als solo.

Mit sich allein zu sein kann man lernen, und dann genießt man es auch. Man muss gut zu sich sein, sich verwöhnen, sich etwas Schönes kaufen, sich ein wunderbares Essen gönnen, sich auch mit tollen Menschen beschenken und andere aus seinem Leben schicken, die einem nicht guttun.

Gewinnt die Auswahl unserer Lebensmenschen mit den Jahren an Bedeutung?

Ach, ich finde, alles wird immer oberflächlicher, und das Leben rast. Man muss sich wirklich zeit seines Lebens die richtigen Leute aussuchen, mit denen man gut alt werden möchte. Das ist es, was wichtig ist. Nicht diese oberflächliche Sucht, alles zu haben oder immer mehr zu wollen. Ich merke, je älter ich werde, umso weniger brauche ich. Älterwerden ist auch etwas ganz Schönes, weil man klar erkennt, was man nicht mehr will. Früher habe ich immer gezweifelt, da war alles so ein Wischiwaschi. Heute weiß ich genau, was ich zu meiner Zufriedenheit brauche.

Was fällt Ihnen da spontan ein, was Sie glücklich macht?

Abends mit Freunden zusammensitzen und einfach reden. Sich auch mal die Themen anderer Leute anhören, sie annehmen, sich interessieren. Neugier, Zuhören, Offenheit, das sind die Tugenden, die unser Zusammenleben ausmachen, uns im Leben vorantreiben und jung halten.

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Das klingt nach einer großen Ausgewogenheit. Ihre Authentizität ist es ja insbesondere, die die Menschen so an Ihnen lieben ...

Ich habe nie versucht, mehr zu sein, als ich bin. Die Ansprüche anderer an mich kann ich sowieso nicht erfüllen. Ich finde es immens wichtig, ein und dieselbe Person zu sein - in der Öffentlichkeit und privat. Man selbst zu sein, gleich wo, macht einen stark.

 

Der Tod ihres Bruders Franz Schwab († 69) war ein Zeichen

Woran ist Ihr Entschluss, Ihre Karriere zu beenden, gereift? Darf es jetzt leiser zugehen?

Als mein Bruder gestorben ist im Januar, war meine Entscheidung klar. Die Idee, aufzuhören, war lange in meinem Kopf, aber der Auslöser war mein Bruder. Franz hat immer zu mir gesagt, auch wenn wir telefoniert haben: "Du bist ja nur unterwegs. Jetzt leb doch mal!" Und das mach' ich jetzt. Einfach nur leben.

Konnten Sie sich von Ihrem Bruder verabschieden?

Meine zwei Schwestern und ich waren, kurz bevor er ging, dort. Franz war auch bereit zu gehen. Als ich bei ihm war, hat Franz zu mir gesagt: "Du bist ganz schön fett geworden!" Ich habe sehr gelacht, das war typisch mein Bruder. Er hat ja recht, ich finde das nicht so schlimm.

So ist es! Wir müssen nur uns gefallen - und nicht das dürre Zünglein an der Waage spielen ...

Das klingt jetzt bestimmt alles nach Gutmensch, aber ich bin eben so. Für mich muss sich keiner verbiegen und besser sein. Leuten zu gefallen ist nur wichtig, wenn man jung ist. Mit dem Alter kommen wir unserem wahren Ich immer näher, vertrauen uns, das finde ich toll.

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Haben Sie das Gefühl, sich charakterlich verändert zu haben?

Sagen wir, es ist jetzt sicher eine gute Zeit, um mal ein bisschen Bilanz zu ziehen. Ich bin ja von Haus aus eher eine gut gelaunte Person und fast kindhaft, aber das Resümee macht dich entschlossener. Du erinnerst dich an vieles, auch die Themen werden ernster. Menschen gehen, und du musst Abschied nehmen. Das macht dich bewusster.

Fundiert darauf Ihre Ausstrahlung? Sie wirken sehr geradlinig und strahlen zugleich Ruhe aus ...

Ich denke, man muss sich diesem Lebenstempo nicht anpassen. Jeder kann sich seine Fluchten bauen. Bei mir ist es das Zuhause, das ist mir ganz wichtig. Meine Freunde, schöne Konzerte, lustige Sachen. Aber die Ruhe finden wir nur bei uns selbst.

 

Was sich Mary Roos auf keinen Fall vorstellen kann

Das mag der Grund dafür sein, dass Sie 62 Jahre gefragt sind - und dabei immer modern waren. Als Kinderstar, später beim Grand Prix, und heute sind Sie ein Kultstar der Jugend durch 'Sing meinen Song'.

Ich hatte immer Vertrauen in mich und eine Grundruhe. Vielleicht war ich manchmal sogar zu schlicht. Aber was hilft's? Du läufst eben auch in den größten Hallen durch hässliche Gänge oder die Kaffeeküche auf die Bühne. Das Showgeschäft ist nicht so schillernd, wie die Zuschauer gern glauben mögen. Meine Freunde haben immer zu mir gesagt: "Ein bisschen mehr Glamour wäre schon schön, Mary!"

Sie lacht herzlich und wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln. "Das haben die ernst gemeint. Ja, so bin ich halt, die Rosemarie aus Bingen ..."

Leider geht auch zunehmend die Qualität verloren. Im Fernsehen, auf Social-Media-Kanälen, allerorts bemisst sich der Erfolg nur mehr an Quoten und Followern, stimmt's?

Ja, und das ist alles nichts für mich! Mich interessiert das nicht, ich tauge nicht zur Rentner-Bloggerin, und ich war auch nie Model, ich wollte singen, Balladen mit guten Texten. Ich habe mir auch nie Kleider anziehen oder mich sponsern lassen, die Frau Roos hat immer alles selbst gekauft. Ich tauge nicht zum Verbiegen.

Was tun Sie für sich?

Gar nichts! Man will ja alt werden, da gehört das Älterwerden dazu. Ich lebe in einer Wohlfühlhaut, ich mag mich. Ich mache keinen Sport - und warum soll ich mit 70 eine Diät machen? Das ist doch blöd.

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Dafür wird ja in nächster Zeit Ihr Kalender dünner ...

Mir kommt das nah. Ich bin überhaupt kein Mensch, der groß plant. Ich lasse das Leben auf mich zukommen und tue nur noch, was mir guttut. Was bringt es, sich groß Gedanken zu machen, und dann kommt’s doch anders? Jetzt geh ich erst mal hier ums Eck Blumen kaufen für die Töpfe auf meiner Terrasse, bevor meine Schwester kommt. Tschüss! (Küsschen links und rechts, dann dreht sie sich noch einmal um.) Und ich möchte mich keinem Wettbewerb oder Vergleichen mehr aussetzen. Ab jetzt darf es ruhiger werden - also öffentlich, meine ich ... (Sie zwinkert.)

Zur Person: Mary Roos kam am 9. Januar 1949 als Marianne Rosemarie Schwab zur Welt. Ihre Eltern waren Maria und Karl Schwab, die ein Hotel führten. Schwester Monika wurde später als Sängerin Tina York bekannt, Schwester Marion und Bruder Franz verfolgten aber keine musikalische Karriere.

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