Authentisch oder nicht? Ella Schön: Wie erlebt ein Asperger-Autist diese Filme?

Tom Zinram (20) hat das Asperger-Syndrom und verriet uns im Interview, was ihm TV-Reihen wie 'Ella Schön' mit Annette Frier bedeuten - und was er sich im Umgang mit Autisten wünschen würde.

Asperger-Autist Tom Zinram traf Schauspielerin Annette Frier am Set von Ella Schön.
Am Set von 'Ella Schön' sprach Schauspielerin Annette Frier mit dem Asperger-Autisten Tom Zinram.

Nachdem die ersten beiden Teile der 'Herzkino'-Reihe 'Ella Schön' im vergangenen Jahr das ZDF-Publikum überzeugten, schickte der Sender die Filme mit Annette Frier und Julia Richter in die Verlängerung und strahlt morgen den bereits vierten Teil namens 'Sturmgeschwister' aus. Frier spielt darin eine Frau mit Asperger-Syndrom - einer Form des Autismus, der als Entwicklungsstörung betrachtet wird. Betroffene haben häufig feste Rituale, motorische Beeinträchtigungen und Probleme, in Kontakt mit anderen Menschen zu treten, beziehungsweise Gefühle zu ihnen aufzubauen. Oft treten dafür aber auch besondere Stärken auf (zum Beispiel bezogen auf das Gedächtnis).

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In 'Ella Schön' wird dieses Thema durch die gleichnamige, von Annette Frier verkörperte Rolle humorvoll aufgegriffen. Doch ihre Darstellung fand nicht nur Zuspruch: Gerade in den sozialen Medien wurde darüber diskutiert, ob die Figur der Ella glaubwürdig oder eher klischeebeladen und zu überspitzt angelegt ist. Für Tom Zinram, selbst Asperger-Autist, ist die Reihe jedoch ein Gewinn. Der 20-Jährige, der kurz vor dem Abitur steht und nebenbei auch als Moderator unterwegs ist, war im September 2018 zu Gast am Set von 'Ella Schön' und tauschte sich mit Annette Frier über das Thema aus, um mehr Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken.

Wir haben das zum Anlass genommen, noch einmal selbst bei Tom nachzuhaken und in Erfahrung zu bringen, wie sich ein Leben mit Asperger-Syndrom wirklich anfühlt.

Du sagst, dass dir 'Ella Schön' sehr zu Herzen geht. Was berührt dich an der Reihe am meisten?

Dass die Rolle den Zuschauern sehr authentisch und mit Herzblut vermittelt wird. Ich fühle an einigen Stellen richtig mit Ella mit und kann mich bei zwischenmenschlichen Situationen richtig in sie hineinfühlen.

Hast du bisher das Gefühl gehabt, dass das Thema Autismus im TV zu wenig Beachtung findet oder falsch dargestellt wird?

In vergangen Zeiten hatte ich schon des Öfteren das Gefühl, dass das Asperger-Syndrom zu wenig im deutschen Fernsehen gezeigt wird, wodurch sich viele Menschen nur auf den Film 'Rain Man' berufen haben und daher ein falsches Verständnis über die Erscheinungsform aufgetreten ist. Die meisten dachten, dass jeder Autist eine Inselbegabung hat oder die gleichen Symptome aufweist, was nicht so ist. Wir Asperger sind genauso individuell wie andere Menschen auch. In den letzten zwei Jahren ist das Thema allerdings für die Medien deutlich interessanter geworden und gibt den Menschen einen guten Einblick. Ich würde mir wünschen, dass das so bleibt und auch im Fernsehen noch viel mehr darüber berichtet wird. Ich möchte erreichen, wie wahrscheinlich viele andere Betroffene, dass die Erscheinungsform nicht mehr als Krankheit, sondern als Besonderheit angesehen wird.

Sehen Sie hier das Gespräch zwischen Annette Frier und Tom Zinram am Set von 'Ella Schön' (Artikel geht unten weiter):

 

Warum ist es dir so wichtig, selbst vor einer vor einer Fernsehkamera zu stehen? Um dir und anderen etwas zu beweisen?

Ich wollte eigentlich schon immer vor einer Kamera stehen - sogar als kleines Kind, obwohl ich Probleme hatte, vor einer großen Gruppe von Menschen zu stehen. Warum genau dieser Wunsch bestand, weiß ich eigentlich selbst nicht so genau. Heute möchte ich damit auf jeden Fall anderen Menschen, die ebenfalls vom Asperger-Syndrom betroffen sind, Mut machen und ihnen zeigen, dass man alles erreichen kann, wenn man seine Träume lebt, fühlt und fest an sie glaubt. Auch Angehörigen möchte ich damit versuchen Mut zu machen, wobei ich in den meisten Fällen auch positives Feedback bekommen habe. Ich würde gerne in Zukunft weiteren Betroffenen Mut machen und sie nach Möglichkeit auch unterstützen. 

Du hast ja schon betont, dass Asperger-Autisten vom Charakter her sehr unterschiedlich sind. Wie äußert sich das Syndrom bei dir?

Früher war ich ein typischer Asperger mit den dazugehörigen Verhaltensmustern. Spezialinteressen, wenig Kontakt zur Außenwelt und mangelnder Blickkontakt gehörten beinahe zum alltäglichen Leben. Heutzutage merkt man es mir allerdings kaum noch an. Zwar fällt es mir immer noch schwer, mich in andere Menschen hineinzuversetzen, doch ich kann das mittlerweile ein wenig ausgleichen. 

Hattest du in deiner Kindheit und Jugend mit Anfeindungen oder Ausgrenzung zu kämpfen? Und wie sieht es heute aus: Wirst du oft mit Missverständnissen und Vorurteilen konfrontiert?

In der Vergangenheit war es doch schon relativ schwierig, Freunde zu finden oder neue Kontakte zu knüpfen. Oftmals stand ich mir dabei selber im Weg, da ich mich nicht getraut habe, andere Menschen anzusprechen. Wahrscheinlich wurde man von der Außenwelt auch als seltsam wahrgenommen und für viele ist es auch heute noch unverständlich, dass man einige Dinge, vor allem motorisch bedingte, nicht so gut hinbekommt wie vielleicht Menschen ohne Asperger. Man stößt häufig auf fragende Gesichter und manchmal sogar auf Unverständnis. Dennoch muss ich sagen, dass es auch viele Menschen in meinem Umfeld gibt, welche sich mit den Problemen ernsthaft auseinandersetzen und Verständnis zeigen. 

Hast du auch besondere Stärken an dir beobachtet, die mit dem Asperger-Syndrom verbunden sind?

Von meinem Umfeld werde ich häufig als lebender Kalender beschrieben. Ich kann mir zu fast jedem Datum den Wochentag merken und weiß zum Beispiel, was am 6.6.2014 passiert ist. Darüber hinaus kann ich fast mein ganzes Leben detailgetreu nacherzählen. Manchmal ist dies zwar ganz praktisch, doch es kann auch wirklich zur Last werden. Außerdem kann ich mir Texte, die ich einmal gelesen habe, auf Anhieb merken, was bei Referaten zum Vorteil sein kann und auch fast immer so war. 

Was sind für dich die größten Hürden in deinem Alltag?

Als Hürde stehen mir im Alltag oft meine motorischen Störungen im Weg. Ich habe teilweise bereits bei den einfachsten Aufgaben Schwierigkeiten, wie zum Beispiel beim Kartoffelschälen oder anderen kleinen Sachen. Auch der Hochsprung im Sportunterricht ist seit Jahren so ein Thema. Ich bin zwar ein relativ sportlicher Mensch, aber dabei habe ich Probleme, was die Informationsverarbeitung angeht. Ich versuche aber immer das Beste daraus zu machen. 

Was würdest du dir von anderen im Umgang mit Asperger-Autisten wie dir wünschen?

An einigen Stellen würde ich mir wünschen, dass man in der Gesellschaft noch ein wenig mehr Verständnis für uns hat. Oft macht es auf Außenstehende den Eindruck, als wolle man sie reinlegen, da es ja häufig an den einfachsten Dingen scheitert. Deshalb kann ich es nur begrüßen, dass das Asperger-Syndrom immer mehr thematisiert wird. Ich finde, dass die Medien dabei auf einem guten Weg sind. 

'Ella Schön' läuft am Sonntag, den 7. April 2019 um 20:15 Uhr im ZDF.

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