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Schmerzfrei leben

Beinlängendifferenz nach Hüft-OP: Tipps von einer Expertin

Eine Beinlängendifferenz nach einer Hüftoperation ist sehr schmerzhaft und kommt nicht selten vor. Im Interview mit Liebenswert, erklärt Physiotherapeuthin Denise Löbbert die möglichen Symptome, Ursachen und Therapieansätze.

Beinlängendifferenz nach einer Hüft-OP.
Durch eine Beinlängendifferenz nach einer Hüftoperation können Schmerzen im Hüftbeuger entstehen. Foto: PORNCHAI SODA / iStock

Nach dem Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks kann es dazu kommen, dass eine operierte Beinseite plötzlich länger ist als die andere. Dies kann zu einem Beckenschiefstand führen und starke Schmerzen unter anderem in der Wirbelsäule verursachen. Wie eine Beinlängendifferenz nach einer Hüft-OP entsteht und welche Behandlungsmethoden es gibt, hat uns Physiotherapeutin Denise Löbbert (25) von der Praxis 'Physiomed Krollpeifer' im Interview erklärt.

Sehen Sie hier weitere spannende Fakten rund um eine Hüftoperation (Der Artikel geht unter dem Video weiter):

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Wie kann eine Beinlängendifferenz nach einer Hüft-OP entstehen?

Denise Löbbert: Eine Beinlängendifferenz nach einer Hüftoperation kommt sehr häufig vor. Bei einer Totalendoprothese (TEP) wird der beschädigte Oberschenkelkopf abgesägt und durch einen neuen Schaft mit einem künstlichen Gelenkkopf ersetzt. Dieser neue Schaft wird in den Oberschenkelknochen eingesetzt. Obwohl vor der OP alles ausgemessen und auf den Patienten individuell angepasst wird, kann es sein, dass der Schaft noch etwas hoch steht und erst bei langsam steigender Belastung richtig in den Oberschenkelknochen absackt und sich somit an die richtige Stelle setzt. Daher fällt die Beinlängendifferenz direkt nach der OP zunächst etwas größer aus.

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Da sich viele Patienten trotz bestehender Hüftprobleme, wie z.B Arthrose, rheumatische Arthritis oder als Folge von Frakturen, vor ihrer Hüftoperation fürchten wird diese oftmals nach hinten verschoben bzw. verdrängt, sodass sie langsam aber stetig in eine Schonhaltung verfallen. Über einen längeren Zeitraum eingenommen, führt diese dazu, dass sich das Gangbild verfälscht und es zu Überbelastung in anderen Gelenken, wie den Füßen, der Wirbelsäule, der Hüfte und im Becken kommt. Auch die wichtige Hüft- und Beinmuskulatur schwächt immer weiter ab, wodurch es zu großen Kraft- und Stabilitätsverlust, aber vor allem zu weitreichenden Gleichgewichtsproblemen und einer damit einhergehenden steigenden Sturzgefahr kommen kann. All diese Faktoren führen oftmals dazu, dass sich betroffene Patienten aus ihrem Umfeld zurückziehen und selbst alltägliche Dinge nicht mehr bewältigen können.

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Wie groß kann die Beinlängendifferanz nach einer Hüft-OP sein?

Denise Löbbert: Nach einer Hüftoperation bleibt grundsätzlich immer eine kleine Differenz von wenigen Millimetern zurück. In Ausnahmefällen kann diese auch manchmal mehrere Zentimeter betragen. Eine kleine Differenz wird mit orthopädischen Einlegesohlen oder mit einer dauerhaften Schuherhöhung ausgeglichen. Größere Unterschiede (2cm und größer) müssen gegebenenfalls mit einer Korrektur-OP angeglichen werden.

Wichtig ist nur, dass die Einlegesohlen bzw. Schuhe täglich über den Großteil des Tages getragen werden müssen. Es reicht nicht, diese für die Hausarbeit, einen Spaziergang oder den Einkauf von wenigen Stunden zu tragen, da die Belastung durch das Ungleichgewicht auf die umliegenden Gelenke ansonsten zu groß wird.

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Wie wird eine Beinlängendifferenz gemessen?

Denise Löbbert: In der Physiotherapie unterschieden wir zwischen zwei Arten der Beinlängenmessung. Zum einen die anatomische Beinlängenmessung und die funktionelle Beinlängenmessung. Die anatomische Beinlänge messen wir in der Rückenlage vom Trochanter major des Oberschenkels, über den äußeren Kniegelenksspalt bis zum Malleolus lateralis, den Außenknöchel des Fußes. Dieser Wert gibt uns Auskunft über die tatsächliche Anatomie, also wie lang die Knochen des Oberschenkels und des Unterschenkels in seiner Gesamtheit sind. Diese Länge können wir jedoch nicht beeinflussen. Anders sieht es bei der funktionellen Messung aus: Hier Messen wir im Stand vom oberen Knochenvorsprung des Beckenkamms (Spina Iliaca Anterior Superior, kurz: SIAS) bis zum Malleolus lateralis. Diese Messung gibt uns Auskunft über die funktionelle Länge des Beins.

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Hat mein Patient bei der funktionellen Messung eine kürzere Länge als bei der anatomischen Beinlängenmessung, müssen wir als Therapeuten schauen, woher diese Differenz kommt. Dabei schauen wir vor allem auf: das Becken, gibt es hier Beckenverwringungen, Beschwerden im Iliosacralgelenk (ISG)? Ist die Wirbelsäule hyper- oder hypolordotisch (Hohlkreuz, Flaschrücken), gekrümmt oder verdreht (Skoliose), gibt es Gelenkblokaden in den Facettengelenken? Gibt es sonstige muskuläre Verspannungen im gesamten Rumpf- und Beckenbereich?

Auch der Sichtbefund gehört zu jeder physiotherapeutischen Untersuchung: Wie steht das Becken? Wie stehen die Schultern? Wie sind die Körper- / Beinachsen? Wie ist das Verhältnis von beiden Gesäßfalten? Wie ist das Verhältnis von beiden Kniekehlen?  

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Welche Symptome treten bei einer Beinlängendifferenz nach einer Hüft-OP auf?

Denise Löbbert: Patienten mit einer Beinlängendifferenz nach einer Hüft-OP haben oft das Gefühl, dass sie beim Gehen auf die kürzere Seite fallen. Für Außenstehende sieht es dann aus, als würden sie hinken. Auch der Oberkörper wankt bei jeden Schritt nach links und rechts mit. Hierbei muss jedoch geprüft werden, ob dieses Wanken und Hinken wirklich nur durch die Beinlängendifferenz kommt, oder ob eine zu schwache Hüftmuskulatur dafür verantwortlich ist. Dann sprechen wir in der Physiotherapie von einem positiven Duchenne bzw. Trendelenburg-Zeichen.

Das dauerhafte Hinken bzw. "fallen" auf das kürzere Bein, stellt eine extrem hohe Überbelastung dar und kann im späteren Verlauf zu Schmerzen in den Knien und Sprunggelenken der Füße führen.

Weitere häufige Symptome sind unter anderem Rückenschmerzen. Die Wirbelsäule versucht den Beckenschiefstand durch eine vermehrte Seitausbiegung zu kompensieren. Durch diese enorme Fehlstellung der Wirbelsäule kommt es zu extremen Verspannungen in der Rumpfmuskulaur, besonders stark betroffen ist der untere Abschnitt der Rückenmuskulatur. Diese Verspannungen können so extrem werden, dass es zu Ausstrahlungen ins Gesäß oder bis in beide Beine kommen kann. Die Schmerzen können aber auch in die andere Richtung, also bis zum Kopf nach oben ziehen.

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Wann ist es sinnvoll mit einer Beinlängendifferenz zur Physiotherapie zu gehen?

Denise Löbbert: Grundsätzlich sollte jede Patientin / jeder Patient im Anschluss an eine Hüftoperation eine Rehamaßnahme bzw. eine physiotherapeutische Maßnahme in Anspruch nehmen. Diese beginnt bereits am ersten Tag nach der OP im Krankenhaus. Das Bein muss mobilisiert und belastet werden um sich vollständig in den Körper einzufinden. Außerdem senkt eine frühzeitige Mobilisation das Thromboserisiko nach einer OP. Bereits in der Klinik erlernt die Patientin / der Patient das selbstständige Gehen an Stützen, sowie das Steigen von Treppen. Anschließend gehen viele Patientinnen und Patienten in eine stationäre oder ambulante Reha.

Dort wird in etwa 3 bis 5 Wochen täglich ein individuelles Programm durchgeführt. Dies beinhaltet Ausdauertraining wie Walking oder Radfahren, Kräftigungs- und Stabilisationsübungen in der medizinischen Trainingstherapie, Gleichgewichtsschulungen und Schulungen für das Leben nach der Reha. Sollten die Rehamaßnahmen nicht ausreichend sein, beispielsweise durch Komplikationen im Heilungsprozess geht die Therapie in der Physiotherapiepraxis weiter, sodass die Patientin / der Patient gemeinsam mit der Therapeutin / dem Therapeuten an der weiteren Genesung arbeiten kann.

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Für Übungen zu Hause finden Sie hier das passende Theraband:

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es bei einer Beinlängendifferenz nach einer Hüft-OP?

Denise Löbbert: Wenn Patienten mit einer Beinlängendifferenz nach einer Hüftoperation zu uns in die Praxis kommen, schauen wir zuerst, welche muskulären Probleme entstanden sind. Das kann eine Verkürzung des Hüftbeugers sein oder eine Verspannte Rückenmuskulatur, welche zu Problemen mit der Wirbelsäule. führen. Dann versuchen wir zuerst, durch gezielte Übungen und Griffe die verspannte Muskulatur zu lockern und im Anschluss zu kräftigen. Wichtig ist immer die Hüftstabilisatoren zu kräftigen, um die Hüfte dauerhaft  zu stabilisieren.

Im weiteren Schritt muss das alte Gangbild gelöscht werden und durch ein neues, physiologisches Gangbild ersetzt werden. Dies geschieht beispielsweise auf dem Laufband in der Praxis, aber auch auf dem Flur bei der Patientin / dem Patienten Zuhause.

Im letzten Schritt werden dynamische Übungen zur weiteren Stabilisierung des gesamten Unterkörpers trainiert. Die Patienten sollen je nach Anforderung, auf ihren Alltag vorbereitet werden, sodass sie wieder ihre Unternehmungen aus dem Alltag, wie Rad fahren, Wandern gehen oder Schwimmen durchführen können. Um dies wieder zu ermöglichen, werden die Therapieeinheiten und der Schweregrad immer weiter gesteigert. Die Übungen werden zunächst an geführten Geräten, später dann als freie Übung im Stand durchgeführt. Auch Kleingeräte wie Bälle, Therabänder, Wackelkissen kommen nun zum Einsatz, um es den Patientinnen und Patienten immer schwerer zu machen.

Die Therapiemöglichkeiten hängen stark vom Individuum selbst ab. Je nach Alter, aktuellem Gesundheitszustand, Trainingszustand und Heilungsprozess des Patienten wird ein individuelles Programm, gemeinsam mit der Patientin /dem Patienten zurecht gelegt. Es ist wichtig, das die Patientin / der Patient immer in die Ziel- und Maßnahmendefinition miteinbezogen wird, denn nur so ist eine optimale Therapie möglich.

Im Durchschnitt dauert die Physiotherapie nach einer Hüft-OP zwischen drei bis sechs Monaten.

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Wann ist eine Korrekturoperation bei einer Beinlängendifferenz nach einer Hüft-OP nötig?

Denise Löbbert: Wenn wir merken, dass die Symptome wie Schmerzen, Bewegungseinschränkungen etc. nach der Hüft-OP  nach einigen Wochen nicht deutlich besser werden, oder sogar schlimmer werden, dann empfehlen wir den Patienten erneut den Arzt/ Operateur aufzusuchen. Dieser kann dann anhand einer erneuten Untersuchung, wie z.B Röntgen, Ultraschall etc. die Ursache für den Stillstand herausfinden. Ursachen für einen Stillstand könnten Komplikationen bei der Wundheilung durch Entzündungen, Bakterien, Flüssigkeitsansammlungen im OP-Gebiet sein.