Wenn die Angst zu groß wird Angsterkrankung: Symptome, Diagnose, Behandlungsmöglichkeiten

Wie viel Angst ist normal und wann spricht der Fachmann von einer Angsterkrankung? Wir haben mit einem Experten gesprochen.  

Angsterkrankung: Wie viel Angst ist normal?
Die Angst vor Treffen mit anderen Menschen wird als soziale Phobie bezeichnet.

Angst gehört zur Gefühlswelt eines Menschen dazu. Doch wenn Ängste das Leben bestimmen, hört die normale Angst auf. Die Angst kann zu einer Angststörung werden und unser tägliches Handeln beeinflussen. Wo die Grenzen verschwimmen, woran Sie eine Erkrankung erkennen können und welche Therapien es gibt, wollten wir von Herrn Dr. Thorsten Bracher wissen, Chefarzt der Schlossparkklinik Dirmstein.

Liebenswert: Angst ist natürlich. Wann hört die normale Angst auf und wann beginnt eine Angsterkrankung?

Dr. Bracher: Ursprünglich eine gesunde Schutzfunktion bei drohenden Gefahren, werden Ängste immer dann problematisch, wenn sie überhand nehmen oder unverhältnismäßig stark auftreten. Drehen sich fast alle Überlegungen und Handlungen um die Angst und werden angstbesetzte Situationen wie etwa Menschenmengen immer mehr gemieden, so spricht das für eine Angsterkrankung.

Fachärztliche Klärung und Hilfe sind stets dann erforderlich, wenn die Symptome das Leben des Betroffenen erheblich beeinflussen und er die belastende Situation nicht aus eigener Kraft überwinden kann.

Welche Symptome zeigt eine Angsterkrankung im Alltag?

In vielen Fällen ist die Angst nicht auf bestimmte Situationen oder Dinge fixiert. Vielmehr befällt Betroffene immer wieder ohne jeglichen Anlass eine schleichende Angst. Ob Erkrankung, finanzieller Ruin, Autounfall oder anderes Unglück – vorstellbare Gründe für ein mögliches Schreckensszenario gibt es unzählige. Die eigentlich unbegründeten Sorgen lassen das tägliche Leben mehr und mehr zur permanenten Bedrohung werden. Neben einer ständigen Unruhe und Nervosität stellen sich vielfach Schlafstörungen, Schwindel oder Beklemmungen ein. Oft leiden darunter auch Leistungsfähigkeit und Beziehungen. Experten sprechen in diesen Fällen von einer "Generalisierten Angststörung". Schätzungsweise fünf Prozent aller Menschen leiden darunter. Meist sind sie im mittleren Alter.

Konzentrieren sich die Ängste auf bestimmte Situationen oder Objekte (beispielsweise Spinnen oder Hunde), so spricht der Experte von einer Phobie. Weit verbreitet ist etwa die Angst vor engen Räumen (Klaustrophobie), vor Höhe (Bathophobie), vor dem Zahnarzt (Dentalphobie), dem Fliegen (Aviophobie) oder Vögeln (Ornithophobie). Eigentlich gibt es nichts, was nicht Angst erzeugen könnte. Selbst die Angst vor der Angst ist nicht selten und wird von Experten als Phobophobie bezeichnet. Auch fremde Personen oder Treffen mit anderen Menschen versetzen manche Menschen regelrecht in Panik (soziale Phobie).

Auch ein immer kleinerer Bewegungsradius oder das Zurückziehen ins private "Schneckenhaus" können typische Symptome einer Angsterkrankung sein. Vielfach sind Angstattacken zudem verbunden mit Symptomen wie Schweißausbrüchen, Übelkeit, Schwindel, Herzrasen und Atemnot. Oft werden aus dem Angstgefühl regelrechte Panikattacken, vom Arzt auch als Panikstörung bezeichnet.

Wann spricht man von einer Angsterkrankung?

Dr. Thorsten Bracher ist Chefarzt der Schlossparkklinik Dirmstein. Der Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie ist u.a. spezialisiert auf Angsterkrankungen, Burnout und Depressionen. Foto: PR/Schlossparkklinik Dirmstein

Gibt es Personengruppen die besonders häufig von Angsterkrankungen betroffen sind?

Angststörungen machen Millionen Menschen das Leben schwer. Laut Studie des Max-Planck-Instituts in München leiden 13 bis 14 Prozent aller Deutschen unter ernsthaften Angsterkrankungen. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Die Ursachen für eine Angsterkrankung sind vielfältig: In der Regel führt das Zusammenspiel diverser biologischer und psychologischer Faktoren zur Störung. Experten vermuten, dass Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl besonders oft betroffen sind. Auch hinter mancher Depression verbirgt sich eine nicht erkannte Angststörung. Doch die genauen Auslöser sind im Einzelnen noch weitgehend unerforscht.

Wo bekomme ich als Betroffene Hilfe?

Wurden organische Ursachen ausgeschlossen (etwa Herzleiden oder Atemwegserkrankungen), so sind Experten für seelische Störungen kompetente Ansprechpartner (Fachärzte für Psychiatrie oder Psychosomatische Medizin, Psychotherapeuten). Auch auf Angsterkrankungen spezialisierte Kliniken bieten professionelle Hilfe. Empfehlenswert ist eine schnelle Diagnose. Denn: Je früher im Falle einer Erkrankung die Behandlung beginnt, desto höher die Chancen einer Heilung.

Welche Therapien gibt es?

Während Höhenangst, Klaustrophobie und andere spezifische Phobien nur in den wenigsten Fällen professionelle Hilfe erfordern, lassen sich Panikstörungen (verbunden mit ausgeprägten Symptomen wie Herzrasen oder Zittern etc.) sehr oft nur durch eine therapeutische Behandlung in den Griff bekommen. Auf Basis einer ausführlichen Anamnese und Diagnostik erstellen Experten individuelle Behandlungspläne. Je nach Art und Ausmaß der Beschwerden können Psychotherapie, Entspannungsangebote (wie etwa die Progressive Muskelrelaxation oder Autogenes Training) und Medikamente sehr gut helfen. Insbesondere die Verhaltenstherapie gilt dabei als erfolgsversprechend: In rund 80 Prozent aller Fälle kann den Betroffenen erfahrungsgemäß geholfen werden. 

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