Psychotherapie in der Lebensmitte Therapie: Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Therapie: Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Es gibt verschiedene Therapieformen - abhängig von den Bedürfnissen der Patienten.
Inhalt
  1. Die kleinen und großen Seelenschrammen rücken ins Bild
  2. Nicht jeder Mensch, der leidet, braucht eine Therapie
  3. Eine Therapie macht das Leben nicht rosarot – aber einfacher
  4. Wenn sich Erlebnisse nicht mehr ausblenden lassen
  5. Welche Behandlung ist die richtige für mich?

Alles lief bisher prima im Leben, doch jetzt spüren wir: Da sind unbeantwortete Fragen aus unserer Vergangenheit, die zunehmend zur Belastung werden. Und auf die wir ohne Therapie vielleicht keine Antwort finden.

An manchen Tagen sieht Dr. Iris Hauth schon vor der ersten Therapie, mit wem sie es zu tun hat. Wenn eine Frau im Türrahmen ihres Sprechzimmers steht, der man ihren Zweifel ansieht: Gehöre ich wirklich hierhin? Muss das wirklich sein, eine Psychotherapie? Und hilft die jetzt überhaupt noch? Mitte 40 sind diese Frauen oder Mitte 50, manche auch älter. Was sie verbindet: Sie sind zum ersten Mal bei einer Psychotherapeutin – und wissen oft selbst nicht so recht, ob das eine gute Idee ist.

 

Die kleinen und großen Seelenschrammen rücken ins Bild

Dass einige Menschen in der Lebensmitte ins Straucheln geraten, kennt Dr. Hauth aus langer Erfahrung. „Wir alle ziehen in diesen Jahren Bilanz – bewusst oder unbewusst“, sagt sie. Ein Kassensturz, bevor es in die zweite Hälfte geht: Hatte ich bisher ein gutes Leben? Was ist aus meinen Träumen geworden? Was liegt noch vor mir? Zwangsläufig rücken dann auch die Unzulänglichkeiten in den Blick. Die verpassten Chancen, Dinge, die uns ausgebremst haben. Und manchmal richtet sich der Blick auf eine der vielen kleinen und großen Schrammen, die sich unsere Seele im Laufe der Jahre zugezogen hat. Eine Verletzung, die doch eigentlich gut verheilt war und die nun plötzlich Schmerzen bereitet.

Bei Heike G.* war das so. Dr. Hauth erinnert sich, wie selbstbewusst ihre Patientin wirkte, als sie in die Praxis kam. Eine hübsche Frau, 52 Jahre alt, mit einem Handicap: „Sie war mit einer Gaumen-Lippen-Spalte geboren worden, einer Hasenscharte“, erzählt die Psychotherapeutin, „und hatte trotz Operation das dafür typische nasale Sprechen.“ Ihr Leben habe sie eigentlich gut im Griff, erzählte ihr die Bankangestellte. Wäre da nicht diese Traurigkeit, die sie seit Wochen gefangen halte.

„Es zeigte sich, dass sie als Kind jahrelang von Mitschülern gehänselt und ausgegrenzt worden war“, sagt Dr. Hauth. „Irgendwann war sie nur noch ,die Behinderte‘ – auch in ihren eigenen Augen.“ Heike G. versuchte, den Makel zu kompensieren – durch Anpassung und Fleiß. Beruflich stieg sie nach der Banklehre schnell auf. Doch private Beziehungen scheiterten immer nach kurzer Zeit, und den Wunsch nach Kindern ließ sie erst gar nicht zu – aus Angst, auch die könnten eine Hasenscharte haben. Und nun, mit Anfang 50, war da plötzlich, zum ersten Mal, echte Trauer. Über das Unglück von früher. Und die Einsamkeit von heute.

Für Dr. Hauth beginnt an diesem Punkt die wirkliche Arbeit. „Gemeinsam mit dem Patienten überlege ich dann, wie es weitergehen soll“, sagt sie. Denn nicht jede Therapie eignet sich für jeden Menschen und für jedes Problem.

 

Nicht jeder Mensch, der leidet, braucht eine Therapie

Heike G. entschied sich für eine Verhaltenstherapie, gepaart mit einer Sprech- und Körpertherapie. „Der Patient lernt dabei, schädliche Botschaften, die er unreflektiert übernommen hat, aufzudecken“, erklärt Dr. Hauth, „und durch positive, passendere Denk- und Verhaltensweisen zu ersetzen.“ In Heike G.s Fall bedeutete das, sich in kleinen Schritten vom „Ich bin behindert“ zu befreien und zu lernen: „Eine Narbe ist keine Behinderung. Ich bin liebenswert, so wie ich bin.“

Hat aber nicht letztlich jeder Mensch solche Probleme? Müsste dann nicht jeder eine Therapie erhalten? Dr. Hauth kennt solche Einwände. „Nein“, sagt sie. „Viele Menschen finden in ihrer Umgebung Ressourcen, um selbst große Probleme zu bewältigen – etwa gute Freunde oder Familienmitglieder.“ Diesen Patienten genügt dann oft schon eine kurze Beratung, um zu einem guten Leben zurückzufinden. Andere brauchen jedoch professionelle Hilfe – selbst wenn ihre Lebenssituation zunächst gar nicht nach einer Notlage aussieht.

Wie bei Tanja P.* „In ihrem Leben stimmte scheinbar alles“, erzählt Dr. Hauth: „Sie war glücklich verheiratet, hatte zwei erwachsene Kinder, arbeitete als Verkäuferin in Teilzeit. Niemand verstand, warum sie morgens plötzlich nicht mehr aus dem Bett kam und sich zu nichts mehr aufraffen konnte.“

Auch hier empfahl Dr. Hauth eine Verhaltenstherapie. „Wir entdeckten, dass Tanja P. in einem Zwiespalt steckte, den sie selbst nicht verstand, der sie aber aus der Bahn geworfen hatte: Sie lebte das Rollenverhalten nach, das ihre Mutter ihr vermittelt hatte, nämlich dass der Lebenssinn einer Frau aus Haushalt und Kindern bestehe. Nun waren die Kinder weg, der Mann viel beschäftigt und damit ihr Selbstwertgefühl wie ausgelöscht.“ In der Therapie gelang es Tanja gemeinsam mit ihrem Mann, diese Zerrissenheit aufzuspüren, besser für sich zu sorgen und die Gemeinsamkeit in ihrer Beziehung zu stärken.

 

Eine Therapie macht das Leben nicht rosarot – aber einfacher

Doch nicht für jeden eignet sich die Verhaltenstherapie, die stark auf die Vernunft setzt. In manchen Fällen muss die Gefühlsebene stärker angesprochen werden. Wie etwa bei Vera S.*: Wegen des Berufs des Vaters war sie ständig im Ausland umgezogen und mit 14 Jahren ins Internat abgeschoben worden. „Sie fühlte sich von den Eltern nicht beachtet und abgelehnt, hatte nie längerfristige Freundschaften erlebt und konnte keine Beziehungen eingehen“, sagt Dr. Hauth. Sie verordnete ihr deshalb eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, verbunden mit einer Gruppentherapie. Dort lernte Vera, ihre Enttäuschung und Wut auszudrücken, sich selbst mehr zu schätzen und Beziehungen einzugehen.

 

Wenn sich Erlebnisse nicht mehr ausblenden lassen

Aber kann eine Therapie solche Verletzungen wirklich heilen? Findet sich Heike heute schön, und kann Vera ihren Eltern verzeihen? „Durch eine Psychotherapie wird nicht alles rosarot“, sagt Dr. Hauth, „aber die Patienten verstehen ihre Probleme, entwickeln ein besseres Selbstwertgefühl und mehr Zuversicht.“

Wenn ihr das gelingt, ist die Psychotherapeutin zufrieden. Wenn sie Menschen wie Monika M.* helfen kann, die ebenfalls eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bei Dr. Hauth machte. Ihr erzählte die 48-Jährige zum ersten Mal, was sie bis dahin nie erzählt hatte: Ihr großer Bruder hatte sie als Kind mehrmals missbraucht. „40 Jahre lang hatte sie versucht, diese Erlebnisse auszublenden“, sagt Dr. Hauth, „doch mit Beginn der Wechseljahre war alles wieder aufgebrochen.“ Eine Maltherapie half Monika, endlich zu ihren tiefen Verletzungen durchzudringen und diese zu bearbeiten. Das Gespräch mit den Eltern zu suchen war ein Wagnis – aber die richtige Entscheidung. Denn es zeigte sich, dass die nichts von alldem geahnt hatten. Und zum ersten Mal hörte Monika von ihnen den entscheidenden Satz: „Du musst dich nicht schämen. Du hast nichts falsch gemacht.“

 

Welche Behandlung ist die richtige für mich?

Das Angebot an Therapien scheint endlos. Diese sind wissenschaftlich anerkannt.

Kognitive Verhaltenstherapie

Das Augenmerk der Therapie liegt auf dem Verhalten, das aktuell Konflikte und Leidensdruck auslöst, und nicht auf den Problemursachen. Im Gespräch mit dem Therapeuten spürt der Patient schädliche Gedanken auf (zum Beispiel „Ich fühle mich nur angenommen, wenn ich perfekt bin.“). Er formuliert dann neue Verhaltensziele und übt diese unter Anleitung des Therapeuten ein. Problematisches Verhalten wird so „verlernt“.

Dauer und Kosten: 20 bis 50 Sitzungen, Kosten trägt die Krankenkasse. Selbstzahler: ab 80 bis 150 Euro/Stunde.

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP)

Stärker als die Verhaltenstherapie zielt diese Behandlungsform auf die Ergründung des Unbewussten ab. Entscheidend ist die Beziehung zum Therapeuten, die von großem Vertrauen und von Nähe geprägt sein muss. Der Patient kann so im sicheren Rahmen Dinge einüben, die ihm schwerfallen – etwa Kontinuität, Offenheit, Ehrlichkeit.

Dauer und Kosten: Ein bis drei Jahre mit zunächst zwei Sitzungen wöchentlich, später meist eine Sitzung alle zwei bis drei Wochen. Kosten trägt die Krankenkasse.

Alternative Therapien

Ergänzend zu den klassischen Formen kann eine verordnet werden, die auf Aktivitäten setzen. Der Patient hat allein oder in der Gruppe die Möglichkeit, der Belastung nicht nur verbal Ausdruck zu verleihen, sondern auch, indem er zeichnet (Maltherapie), schreibt (Bibliotherapie), tanzt (Tanztherapie) oder musiziert (Musiktherapie).

Zahlt die Krankenkasse?

Bei Verdacht auf eine behandlungsbedürftige „psychische Störung“ tragen Krankenkassen die Kosten von zunächst fünf Probesitzungen bei einem kassenzugelassenen ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten. Anschließend wird eine Therapie beantragt. Einige private Kassen tragen auch die Kosten einer Therapie beim Heilpraktiker, die von den gesetzlichen Kassen grundsätzlich nicht bezahlt wird.

*Namen von der Redaktion geändert.

Kategorien:
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