Warum sie wichtig ist Fantasie: Die wunderbare Welt in mir

Fantasie: Die wunderbare Welt in mir
Wer auch tagsüber mal träumt, tut sich selbst etwas Gutes.
Inhalt
  1. "Die Fantasie arbeitet mit Erinnerungen"
  2. Fantasie lehrt uns Mitgefühl und sorgt für Entspannung
  3. Wie etwas mehr Fantasie uns so viel glücklicher macht

Warum Fantasie lebenswichtig ist – und wie wir sie neu entfachen können.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen unter einem Apfelbaum. Das Gras ist hoch gewachsen und streicht um Ihre Beine. Die warme Luft umschmeichelt die Haut. Sie lauschen dem tiefen Summen der Hummeln, die gemächlich von einer Blüte zur nächsten fliegen. Eine sanfte Brise raschelt durch die Äste des Baumes. Sie nehmen eine tiefrote Erdbeere aus einem Korb und genießen ihren süßen Geschmack auf der Zunge. Spüren Sie es? Sehen Sie das Bild vor Ihrem inneren Auge? Dass wir uns z. B. auch im frostigen, dunklen Winter in unseren Gedanken an so einen Ort versetzen können, verdanken wir unserer Fantasie. Sie ist die Fähigkeit unseres Geistes, von innen heraus etwas zu erschaffen, das äußerlich gar nicht da ist – sogar im völligen Kontrast dazu stehen kann.

 

"Die Fantasie arbeitet mit Erinnerungen"

Losgelöst vom Hier und Jetzt, eröffnet uns die Fantasie eine eigene Gedankenwelt. Wie genau sie das macht, erklärt der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Hans-Peter Unger: "Unsere Fantasie arbeitet mit Erinnerungen. Sie ruft bereits Erfahrenes ab, setzt dieses aber in einen neuen Zusammenhang, ergänzt es durch neue oder ganz andersartige Vorstellungen." Auch wenn wir noch nie unter einem Apfelbaum gesessen haben: Das Gefühl warmer Luft auf der Haut und das Bild des Baumes auf einer Wiese werden – egal, in welchem Kontext wir diese ursprünglich einmal erlebt haben – zu einer neuen Vorstellung kombiniert. Durch eine solche Rekonstruktion kann die Fantasie noch nie Erlebtes Wirklichkeit werden lassen.

Kinder sind wahre Meister der Fantasie. Sie benötigen nur minimale Anreize und können daraus völlig neue Welten erschaffen. In Bäumen oder Steinen sehen sie Elfen, Ritter, Zaubertiere. Dass ihnen dies so leichtfällt, ist kein Wunder: Im Alter zwischen drei und zehn Jahren haben Kinder doppelt so viele Synapsen im Gehirn wie Erwachsene. Synapsen dienen der Verschaltung von Nervenzellen. Dieses Übermaß an Optionen ermöglicht es ihnen, schnell zu lernen und das Gelernte in der Welt fantasievoll umzusetzen.

Doch auch als Erwachsene befinden wir uns in einem andauernden Lernprozess und unsere Fantasie hilft uns dabei enorm, wie Dr. Unger weiß: "Im Leben geht es nicht um das passive Lernen von Inhalten. Es geht darum, was wir aus diesen Inhalten machen – wie wir mit den Bausteinen, die uns die Erinnerung und die Sinne anbieten, in Gedanken spielen und Neues aus ihnen generieren. Diese Prozesse finden alle über die Fantasie statt." Dass Erwachsenen der Zugang zur Fantasie etwas schwerer fällt, liegt nicht allein an der geringeren Synapsenzahl. Unser größer werdender Erfahrungsschatz setzt der eigenen Gedankenwelt immer engere Grenzen, unsere Vernunft bewertet die Bilder der Vorstellungskraft als sinnlose Erfindung: Zu weit scheinen Fantasie und praktischer Nutzen voneinander entfernt zu liegen.

 

Fantasie lehrt uns Mitgefühl und sorgt für Entspannung

Für Experten ist das ein Vorurteil. In Wahrheit ist sogar das Gegenteil der Fall: "Die Fantasie ist eines unserer wichtigsten inneren Handwerkszeuge", so Dr. Unger. Sie hilft uns nicht nur beim Lernen – durch Fantasie sind wir in der Lage, vorausschauend zu denken, Probleme von verschiedenen Seiten zu beleuchten und Lösungen durchzuspielen. Die Fantasie ermöglicht es uns, die Folgen unseres Handelns abzuschätzen. Planen wir etwa, am Abend bei einer Freundin vorbeizuschauen, überlegen uns aber gleichzeitig eine alternative Beschäftigung für den Fall, dass sie nicht zu Hause ist, dann ist unsere Fantasie am Werk. Ebenso ist die Fantasie entscheidende Voraussetzung für das Mitgefühl mit anderen Menschen – nur mit ihrer Hilfe können wir uns gedanklich in den anderen hineinversetzen. Und Fantasie kann noch mehr: Sie entspannt uns. "Wenn ich konzen triert am Schreibtisch sitze und an einer Aufgabe arbeite, ist das meist nicht sehr fantasievoll. Wenn ich aber den Blick aus dem Fenster wende, vielleicht für einen Moment die Augen schließe, dann entstehen Fantasiebilder", sagt Dr. Unger. Fantasiebilder, mit deren Hilfe wir uns kurz aus dem Alltag wegträumen und die so zu Inseln der Erholung werden. Im Moment des gedanklichen Abschweifens verändert das Gehirn seine Arbeitsweise: Es schaltet in das sogenannte Default-Mode-Netzwerk um, das Ruhenetzwerk. "In diesem Modus wandert unser Geist hin und her. Das Gehirn knüpft neue Verbindungen, die Neuronen funken auf eine ganz andere Art, als wenn zielgerichtet gearbeitet wird."

Nichts anderes tun auch Kinder, wenn sie in ihren Spielen voller Überzeugung eine wunderschöne Prinzessin oder ein tapferer Sternenkrieger sind. Forscher vermuten den Grund für diesen Selbstbezug in der Anatomie des Default-Mode-Netzwerks. Dieses erstreckt sich über Gehirnbereiche, die für die gedankliche Bearbeitung unserer persönlichen Vergangenheit und Zukunft zuständig sind. Ein Bearbeiten der dort gesammelten Informationen mit der Fantasie trägt entscheidend dazu bei, uns selbst in der Welt zu verorten, also die Welt und uns in Verbindung zu setzen. Dazu gehört auch das Reflektieren unserer Beziehungen zu anderen Menschen, die in der Fantasie eine Hauptrolle spielen. Für unser Gehirn sind die inneren Bilder genauso real wie die äußeren – auf gleiche Art beeinflussen sie unsere Stimmung und sogar unser Verhalten.

Deshalb kann es auch schon mal heikel werden, wenn wir zum Beispiel einem attraktiven potenziellen Partner begegnen und uns in Träumereien über ihn verlieren. Die innere Vorstellung kann so stark werden, dass die äußere Wahrnehmung an dieses Bild angepasst wird – und wir das Desinteresse des anderen gar nicht wahrnehmen, weil wir jede Handlung seinerseits in unserer Fantasie zweckmäßig interpretieren.

 

Wie etwas mehr Fantasie uns so viel glücklicher macht

Doch diese Macht der Fantasie können wir auch zu unseren Gunsten nutzen. "Unsere Vorstellungskraft kann zu einer Art Rettungsanker werden, denn ihre Bilder sind sehr eng mit unseren Gefühlen verbunden", so Dr. Unger. Sind wir in einer schlechten Stimmung, können uns positive Gedankenbilder wieder in Balance bringen, uns mit guten Gefühlen verbinden und so dabei helfen, die negative Situation besser in den Griff zu bekommen. "Wenn wir gestresst sind oder traurig, und wir schauen kurz in die Ferne und stellen uns vor, wie wir im Sonnenschein durch die Berge wandern, werden wir sofort feststellen, wie unsere Stimmung sich bessert." In der Psychotherapie ist das Arbeiten mit solchen Imaginationen, also bildlichen Vorstellungen, ein wertvolles Mittel. Unter therapeutischer Anleitung werden innere Bilder erzeugt, die eine heilende Wirkung etwa bei Ängsten, Krisen, Burnout oder Traumata entfalten können. Doch auch im Alltag schenken kleine Bilder im Kopf mehr Wohlbefinden. Alles, was wir dafür tun müssen, ist, unserer Fantasie wieder etwas mehr Raum zu lassen.

Wie das geht? "Wir müssen etwas machen, das wir heute vielleicht gar nicht mehr gewohnt sind: uns einfach unseren Gehirnprozessen überlassen. Akzeptieren, dass die Gedanken zwischendurch abschweifen und in kleine Träumereien versinken. Sich immer wieder einfach nur hinsetzen und die Gedanken und Bilder spielen lassen, ohne sofort eine zielgerichtete Aktivität zu suchen."

In dieser Ruhe liegt kein Nichtstun, im Gegenteil: Sie regt unser Gehirn dazu an, höchst beschäftigt im Default-Mode-Netzwerk zu agieren und uns gedankliche Bilder und Wörter zu schenken, mit denen wir fantasievoll spielen können. Danach sind wir nicht nur entspannter und mit uns selbst vertrauter, sondern haben vielleicht auch eine ganz neue Idee, an der wir die Welt teilhaben lassen können ...

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